Die Systems ist tot, es lebe der ITK-Event

Donnerstag, 23. Oktober 2008 – Gestern wurde das Aus für die Messe Systems verkündet. Ob die Neuausrichtung mit zwei kleineren Events der sich wandelnden ITK-Welt besser entspricht, bleibt zunächst offen. Klar ist: Messechef Klaus Dittrich hat viel Arbeit vor sich.

Systems-Chef Klaus Dittrich hat die Konsequenzen daraus gezogen, dass die Systems seit Jahren schrumpft und zur Regionalmesse zurückentwickelt. Die 1969 als Computermesse gegründete Veranstaltung hat sich konzeptionell überlebt. Sie wird nicht mehr stattfinden.

Mit all seinem rhetorischem Können stemmte sich Dittrich gegen den Eindruck, die Systems gebe auf. Obwohl auch dieses Jahr mit sinkenden Besucherzahlen zu rechnen ist, beharrt er darauf, dass es sich um einen Entscheidung aus einer Position der Stärke handle.

Die Entscheidung, so Dittrich, sei zu einem Zeitpunkt getroffen worden, zu dem
- das Kongresszentrum erstmals die ganze Messezeit hindurch ausgebucht war,
- Dell zum ersten Mal gekommen ist und andere große Namen zurückgefunden haben,
- Microsoft und Oracle mit eigenen Veranstaltungen präsent waren, und
- Infratest der letztjährigen Systems die besten Noten seit dem Jahr 2000 ausgestellt hat.

"Die Systems war 40 Jahre erfolgreich", resümiert Dittrich etwas wirklichkeitsfremd, um kurz darauf zu bekennen, dass die stetig sinkenden Besucherzahlen, aber auch eine Reihe neuer Trends einen harten Schnitt erfordert hätten.

Die 1969 als Computermesse gegründete Veranstaltung hat sich jedoch konzeptionell überlebt. Zukünftig mutiert der Security-Bereich zu einer eigenständigen Messe im Juni. Eine im Herbst geplante, noch nicht mit Namen versehene Veranstaltung mit vielen interaktiven Elementen soll das Erbe der Systems antreten. Besiegelt aber das Aus der Systems das Ende der ITK-Messen generell?

Tatsächlich hat sich Deutschlands ITK-Messen Systems und CeBIT schon in den vergangenen Jahren ständig neu erfunden. Längst ist im Wettrennen der Ideen unklar, wer von wem das Motto Lösungen statt Technik, Mittelstandsrundgänge, modische Schwerpunkthemen, Ausbau der Kongresse und Einbeziehung von Firmenveranstaltungen abgeschaut hat. Klar ist nur: Beide Veranstaltungen entwickelten sich in die gleiche Richtung.

Insofern werden auch die CeBIT-Macher in Hannover dieser Tage grübeln: Sollen wir jubeln, weil ein weiterer Konkurrent aufgegeben hat? Oder müssen wir das Aus der Systems als weiteres Signal dafür sehen, dass gerade die ITK-Branche bessere und vor allem preisgünstiger Möglichkeiten zur Selbstdarstellung hat als eine Messe?

Messefeindliche ITK-Trends

Systems-Chef Dittrich neigt verständlicherweise zur zweiten These. Er hat sechs Trends ausgemacht, die für jede ITK-Messen gelten können:

  1.  IT verschmilzt mit Alltagsgegenständen, mit Freizeit- und Unterhaltungselektronik oder dem berühmten Kühlschrank, der selbsttätig Lebensmittel per Internet nachbestellt. Die Antwort der Systems: Es geht nicht um Öffnung für Konsumenten oder Gadgets, sondern um eine lupenreine B2B-Veranstaltung rund um vernetzte IT-Lösungen für diese Bereiche.
  2.  Multifunktionalität: Das Handy ist längst auch Fotoapparat, Medienplayer, Spielcomputer, Netz-Computer oder sogar Business-Umgebung für CRM- oder SAP-Anwendungen. Die Antwort der Systems: Orientierungshilfen für Entscheider, damit sie sich in der Vielfalt gegenwärtiger und künftiger Möglichkeiten zurechtfinden.
  3.  Die Technik hinter vielen Anwendungsmöglichkeiten wird immer austauschbarer. Entscheider werden zum Beispiel weniger nach den Funktionen von Bürosoftware fragen als nach Service, Sicherheit, Innovationskraft und Flexibilität des Herstellers. Die Antwort der Systems: Wir geben den Herstellern flexible neue Beteiligungsmöglichkeiten, um für das Vertrauen in ihre Marke zu werben.
  4.  Neue Infrastruktur-Entscheidungen: Lizenzsoftware, nutzungsabhängige Hosting-Lösungen oder gar werbefinanzierte und damit für den Nutzer kostenfreie Angebote. Die Antwort der Systems: Solche Fragen müssen im Kongressprogramm und in Foren diskutiert werden, die vom Beiprogrammen zum integralen Bestandteil des Gesamt-Events werden sollen. Der Trend geht von Präsentation zur Interaktion.
  5.  IT meets Business: Bei neuen Entwicklungen wie SOA, SaaS und ähnlichen Trends müssen die kaufmännischen Entscheider in die Lage versetzt werden, sich mit den Technikern zu verständigen. Die Antwort der Systems: Auch hier soll der Event als Diskussionsplattform dienen.
  6.  Die Entstehung einer hersteller- und anwenderunabhängigen Öffentlichkeit in der Blogosphäre: Dadurch kommen gesellschaftliche Themen, wie die Rechtsprechung oder Green-IT jenseits der Energiespareffekte, stärker ins Blickfeld. Die Antwort der Systems: Intensive Einbeziehung der Blogger und des Internets.


Die Zukunft von Security und ERP

Diese Pläne klingen hochambitioniert. Sie verlieren aber rasch an Glaubwürdigkeit wenn man bedenkt, dass eines der bisherigen Systems-Zugpferde, der Security-Bereich, zu einer eigenen Veranstaltung ausgegliedert wird - mit herkömmlichem Messekonzept.

Erste Stellungnahmen aus der Security-Area begrüßen die Trennung von der Systems. Monika Nordmann, Marketing Manager CEE bei Utimaco, sagt etwa: "Die Entscheidung der Messe München, die Systems durch zwei neue Veranstaltungen zu ersetzen, ist in unseren Augen insofern ein richtiger Schritt, als sie auch der dramatisch steigenden Bedeutung des Themas Sicherheit Rechnung trägt."

Tatsächlich bestätigt die Zuversicht der Aussteller wie der künftigen IT-SA-Veranstalter (IT Security Area) weniger Dittrichs Trendanalyse, als vielmehr die Erfahrung der vergangenen Jahre, wonach Hersteller Spezialmessen schon länger gegenüber generellen ITK-Veranstaltungen bevorzugen.

Anders sieht es mit einem zweiten Zugpferd der Messe aus. Seit Jahren füllen die Anbieter betriebswirtschaftlicher Software die Halle A1. Blieben sie weiterhin beisammen, so würden sie als gewaltiger Block aus den anderen Themen herausragen. Die Messe denkt daher darüber nach, die künftige Veranstaltung eher nach inhaltllichen Themen zu ordnen. Sprich: Die ERP-Anbieter müssen mit der Möglichkeit rechnen, über mehrere Hallen verteilt zu werden. Entsprechend kritisch sind daher erste Kommentare zum neuen Konzept.

Ralf Gärtner, Vorstand Marketing der SoftM AG, sagt etwa: "Ich kann nicht nachvollziehen, warum die Marke Systems jetzt aufgegeben wird, nachdem es doch in den vergangenen Jahren gelungen ist, die Systems als Lösungsmesse zu positionieren. Als ERP-Anbieter fühlen wir uns in der Halle A1 mit ihrer Fokussierung auf Business-Software sehr gut platziert." Für Gärtner und andere Aussteller bleibt die Hoffnung, dass sie im November noch auf das neue Konzept Einfluss nehmen können.

Bis dahin sind auch andere Dinge zu klären, vor allem das Geschäftsmodell. Denn es mag sein, dass die Messe Kosten sparen kann, wenn etwa Hersteller ihr Veranstaltungen auf dem Messegelände selbst organisieren und bewerben – ob sich dieses Modell jedoch rechnet, scheint noch unklar zu sein. Noch weniger klar ist, wie man das Internet und die Blogger zum integralen Bestandteil der Veranstaltung machen möchte, ohne die Interessenten dazu zu verführen, dass sie - statt Eintritt zu bezahlen - kostenlos und online an der neuen Veranstaltung teilnehmen.

Kurz: Wo, Herr Dittrich, bleibt das Geschäftsmodell für den neuen Event?

für Silicon.de



Die Systems-Ära

und ihr Ende

Von 1969 bis 2008  hat die ITK-Messe Systems das Hight-Tech-Image Bayerns in die Welt getragen.

Discuss&Discover
–>Hat sie eine Zukunft?

Systems '08
–>Münchens künftiger ITK-Event
–>Das endgültige Aus

Systems '07:
–> Nicht tot zu kriegen

Systems '06:
–> bleibt eine Hängepartie
–> Viel Schatten

Systems '05:
–> Provinz oder Highlight
–> So geht's nicht weiter

Systems '04:
–> Mittelstand und Medien
–> gegen Hersteller-Events

Systems '03:
–> zu sich selbst gefunden

Systems '02:
–> Silberstreifen für Mutlose

Systems '01:
–> Nüchtern aus Verzweiflung


Münchens künftiger ITK-Event


Die seit 1969 veranstaltete Computermesse Systems hat sich überlebt. Messechef Klaus Dittrich und sein Team arbeiten unter Hochdruck an einem zeitgemäßen Konzept. Klar ist bislang, dass die erfolgreiche Security Area nächsten Juni als eigenständige Spezialmesse ITSEC antritt. Außerdem entsteht bis Oktober 2009 ein vermutlich auf drei Tage ausgelegter ITK-Event. Die noch namenlose Veranstaltung beruht auf einer Trendanalyse - und den daraus resultierenden Folgerungen für eine ITK-Veranstaltung der Zukunft.

Embedded Computing: IT verschmilzt mit Alltagsgegenständen, sowie Freizeit- und Unterhaltungselektronik. Folgerung: Es geht nicht um Öffnung für Konsumenten oder Gadgets, sondern um eine lupenreine B-to-B-Veranstaltung rund um vernetzte IT-Lösungen für diese Bereiche.

Multifunktionalität: Das Handy ist längst auch Fotoapparat, Medienplayer, Spiele- und Netzcomputer oder sogar Business-Umgebung für CRM- oder SAP-Anwendungen. Folgerung: Orientierungshilfen für Entscheider, damit sie sich in der Vielfalt gegenwärtiger und künftiger Möglichkeiten zurechtfinden.
Marke statt Technik und Funktion: Entscheider fragen zum Beispiel weniger nach den kaum mehr unterscheidbaren Funktionen Bürosoftware als nach Service, Sicherheit, Innovationskraft und Flexibilität des Herstellers. Folgerung: Hersteller erhalten flexible Beteiligungsmöglichkeiten (etwa Firmenveranstaltungen, Halten von Vorträgen, Messestände, Diskussionsteilnahme), um für das Vertrauen in ihre Marke zu werben.

Neue Infrastruktur-Entscheidungen: Im Raum stehen etwa die Alternative zwischen eigener IT-Organisation und Auslagerung von Hard- und Software, klassischer Lizenzsofware, Open-Source und Software as a Service. Folgerung: Solche Fragen müssen in integrierten Kongressen und Foren diskutiert werden.

IT meets Business: Bei neuen Entwicklungen wie SOA, SaaS und ähnlichen Trends müssen die kaufmännischen Entscheider in die Lage versetzt werden, sich mit den Technikern zu verständigen. Folgerung: Auch hier soll der Event als Diskussionsplattform dienen.

Bloggosphäre: Durch diese hersteller- und anwenderunabhängige Öffentlichkeit kommen gesellschaftliche Themen wie die Rechtsprechung oder Green-IT stärker ins Blickfeld. Folgerung: Intensive Einbeziehung der Blogger - auch um neue Zielgruppen auf den Event neugierig zu machen.

Der Trend geht von der Präsentation zur Interaktion, vom Messestand zur Konferenz. Noch bastelt die Messegesellschaft an Geschäftsmodellen. Auch die Darstellung oben hat noch Werkstattcharakter.

Nach Auskunft von Messechef Dittrich plant die Messegesellschaft München eine Veranstaltung, bei der nicht mehr Techniken oder Produktvergleiche im Vordergrund stehen, sondern Gegenwarts- und Zukunftsthemen wie etwa Green IT, Unternehmenskommunikation, Handel, Einsatz mobiler Systeme. Ziel ist es, den Teilnehmern Orientierung bei aktuellen Entwicklungen zu geben. Die Anbieter sollen dabei unter den von der Messe vorgegebenen Themen wählen, können ihre verschiedenen Anliegen aber auf verschiedene Präsentationsformen verteilen, zu denen auch die Möglichkeit gehört etwa mit Festen (Social Events) für sich zu werben.


für die Computerwoche