Kann die discuss & discover überleben?

Gerangel um die Systems-Nachfolge


22. Oktober 2009 – Showdown im Messeherbst: Die gute alte Systems ist tot. Um die Nachfolge bewarben sich in den vergangenen drei Wochen gleich vier süddeutsche IT-Veranstaltungen: Zuerst die it & business (it&b) in Stuttgart, dann in Nürnberg die it-sa (IT Security Area) und die CRM-Expo, denen jetzt in München die discuss & discover (d&d) folgte.

Zu den Zahlen: Am meisten hat die Münchner Messe verloren. Die Zahl der teilnehmenden Firmen ist von über 1000 Ausstellern auf 250 teilnehmende Firmen abgestürzt. Damit befindet sich die d&d auf einem Level mit der IT Security Area, die im vergangenen Jahr in ähnlicher Größenordnung noch Unteraussteller auf der Systems war. Mit 312 Ausstellern ist die ERP-Branche fast komplett von der Systems-Halle A1 nach Stuttgart zur it&b umgezogen.

Kein direkter Abkömmling der Systems ist die CRM-Expo, deren Veranstalter 176 Aussteller nach Nürnberg geholt und damit die geplante CRM Area in Stuttgart verhindert hat. Die Besucherzahlen bewegen sich von 3000 bei der CRM-Expo zu jeweils rund 6500 für it-sa und it&b und 6000 der d&d, die damit das Ziel verfehlt hat, die Mitbewerber zu überholen. Die Glaubwürdigkeit dieser Angaben ist angesichts der aktuellen Konkurrenzsituation schwer einzuschätzen. Klar ist jedoch, dass sie unter den Erwartungen der Veranstalter liegen – auch wenn diese etwas anderes sagen.

Stuttgart wollte über 7000 kommen. Zur it-sa waren im vergangenen Jahr rund 10.000 Security-Interessenten gekommen. Insgesamt bedeuten die Zahlen, dass jede Veranstaltung auf Kosten der anderen wachsen müsste, um dauerhaft überlebensfähig zu sein. Nicht nur, weil – wie etwa in Stuttgart – die Standmieten zu niedrig wären, sondern vor allem weil für Hersteller und Besucher vier Messen schlicht zu viel sind.

Nach dem diesjährigen Vier-Minimessen-Herbst beginnt daher hinter den Kulissen ein Ringen aller mit allen. Messeverantwortliche, die lange nicht miteinander konnten (etwa CRM-Expo und die Stuttgarter Messegesellschaft), erwägen Kooperationen. Die d&d versucht bei der Security-Branche zerbrochenes Porzellan zu kitten und die it-sa nach München zurückzuholen. Der Stuttgarter Messe-Chef Ulrich Kromer will die it&b durch Akquisitionen zum wahren System-Erben wachsen lassen.

Kleinere Veranstalter fürchten um ihre Eigenständigkeit und verhandeln über eine Entzerrung der Veranstaltungstermine. Und alle umwerben die Aussteller, wobei München auf die Attraktivität des neuen Konzepts setzt, Nürnberg auf intensive Betreuung der Veranstalter und Stuttgart mit niedrigen Preisen lockt. Denn eines ist klar: Nächstes Jahr wird es echte Verlierer geben, denn weder Aussteller noch Besucher sind bereit, ihr Geld und ihre Aufmerksamkeit noch einmal auf vier Veranstaltungen zu verteilen.

it & business als Kern einer neuen Systems

Die besten Perspektiven scheint derzeit die Stuttgarter Veranstaltung zu besitzen. Die neue Messe gilt in Baden-Württemberg als Prestigeprojekt, das massiv vom Land, der Landeshauptstadt aber auch von den bekannt patriotischen Unternehmern unterstützt wird. Zu letzteren zählen neben dem fertigenden Mittelstand auch namhafte IT-Konzerne wie HP, IBM und SAP.

Hinzu kommt, dass die ERP-Branche offensichtlich gerne gemeinsam auftritt, auch wenn dieses Messekonzept als veraltet gilt. Zu fragen ist allerdings, wie lange sich die Messe ihre niedrigen Standgebühren leisten kann. Vorerst – so die Gerüchteküche – erhalten Unternehmen das diesjährige Einführungsangebot auch im kommenden Jahr, wenn sie sich rasch für Stuttgart entscheiden.

it-sa füllt Nürnbergs Korb an Fachmessen

Doch das Preisargument sticht nicht immer: "Wäre es nur wegen des Preises gewesen, hätten wir auch nach Stuttgart gehen können", berichtet etwa SecuMedia-Geschäftsführer Peter Hohl, dessen Sicherheitsveranstaltung it-sa nach Nürnberg ging. Ihm haben vor allem die intensive Betreuung durch die Messeorganisation und die Raumaufteilung gefallen, die auch kleine Veranstaltung exklusiv aussehen lassen. Die Nürnberger Messe, die auch die CRM-Expo des Veranstalters asfc sowie eine Reihe weiterer Technikveranstaltungen betreut, macht sich nun Hoffnung darauf, durch eine terminliche Bündelung der einschlägigen Veranstaltungen zu einem Technologie-Zentrum zu avancieren.

Thematisch bietet 'Security' die wenigsten Überschneidungen mit den Themen der anderen Veranstaltungen und könnte durchaus auch eigenständig überleben – wenn auch besser zu einem anderen Zeitpunkt. Nachdenklich stimmt allerdings, dass die it-sa von einem "Besucherwachstum" spricht - allerdings nur rund 5000 Besucher aufweist. Auf der Systems im vergangenen Jahr hatte der Security-Bereich jedoch 10.000 Besucher. Die Frage ist also: Ist die Secu-Media nun wirklich mit dem it-sa-Standort Nürnberg zufrieden oder nicht?

discuss & discover leidet unter Systems-Vergangenheit


Misst man die d&d an der Systems, so war der Absturz hier am dramatischsten. Das gilt insbesondere für den katastrophalen Ausstellungsteil. Mit 250 "teilnehmenden Firmen" ist sie auf ein Viertel ihrer letztjährigen Größe geschrumpft. Teilnahme bedeutete übrigens nicht notwendig, einen Stand zu belegen. So gab es zu jedem Thema ein paar wenige Stände, meist von relativ ungekannten Unternehmen – sieht man von Microsoft, Dell und Intershop ab. Und so geriet die Ausstellung nicht nur klein, sondern auch unübersichtlich.

Doch diese Wahrnehmung misst die d&d unfairerweise an der früheren Systems. Tatsächlich waren sowohl die Kundenveranstaltungen als auch Vorträge und Kongresse gut besucht und kamen dem Ziel durchaus nach, Hilfe und Orientierung zu liefern. Allerdings haben vor allem die Firmenvorträge den hochrangigen Keynote-Sprechern das Publikum gestohlen. Mit großem Interesse an den Vorträgen konnten jedoch auch Stuttgart und Nürnberg punkten. Und so steht nun gerade das neue Messekonzept der d&d auf der Kippe – vor allem wenn nächstes Jahr auch Microsoft und Dell nicht mehr kommen.

Dabei schienen die Münchner Messeplaner im vergangenen Jahr (fast) alles richtig gemacht zu haben. Angesichts notorisch sinkenden Aussteller- und Besucherzahlen war es an der Zeit, einen grundlegenden Neustart zu wagen. Tatsächlich scheint das Konzept einleuchtend. Und trotz des enttäuschenden d&d-Auftakts hält Bitkom-Chef August Wilhelm Scheer das Konzept nach wie vor für richtig. Produktdemonstrationen, da sind sich Messe- und IT-Branche weltweit einig, haben sich überlebt. Nun sollen inhaltliche Themenvorgaben die Veranstaltung strukturieren, Vorträge und Diskussionen Orientierung vermitteln. Flexible Preis- und Dienstleistungsangebote bieten zudem kleineren Teilnehmerfirmen Unterstützung und preiswerte Präsentationsformen und den ITK-Konzernen mehr Freiheit.

Das klingt alles so überzeugend, dass die d&d bereits Nachahmer gefunden hat. Aus ähnlichen Gründen wie die Systems unternimmt auch die Wiener ITnT im kommenden Jahr einen neuen Anlauf unter der Bezeichnung 'Cross Con' – einer Mischung aus Kongress, Networking-Plattform und Side Events.

Doch in München lief von Anfang an vieles schief. Die zwei mit Abstand größten Bereiche gingen von der Fahne. Brüskiert von der für sie plötzlichen Systems-Kündigung mochten sich die in Halle A1 beheimateten Anbieter betriebswirtschaftlicher Software nicht mit einem modernen Messekonzept anfreunden, das sie möglicherweise aus der vertrauten Nachbarschaft gerissen hätte. Diese Unzufriedenheit machte sich die aufstrebende neue Messe in Stuttgart zu nutzte und lockte die ERP-Anbieter mit niedrigen Preisen ins Ländle der wohlhabenden mittelständischen Industrie. Etwas umsichtiger war die Messe mit dem SecuMedia-Verlag, dem Veranstalter der IT Security Area umgegangen, dem man einen eigenen Event anbot, der aber wegen der hohen Kosten nach Nürnberg wechselte. Mit der it-sa wird wie gesagt derzeit wieder verhandelt.

Ist unter dem Systems-Nachfolger nun wenigstens für nächstes Jahr ein Sieger in Sicht? Noch nicht. Keinem der Aspiranten ist es gelungen, eine positive Außenwirkung über den Lokalteil der jeweiligen Zeitung hinaus zu entwickeln. Und wenn alle weiter ihre bisherigen Positionen und Ziele verfolgen, verlieren alle. So also haben hinter den Kulissen Verhandlungen aller mit allen begonnen. Am wenigsten beweglich sind dabei naturgemäß die Messegesellschaften.

Es kommt jetzt vor allem darauf an, ob sich insbesondere die großen und renommierten Hersteller für das moderne d&d-Konzept mit mehreren Zukunftsthemen entscheiden - oder lieber für das klassische Spezialmessen-Konzept der Stuttgarter. Wir werden sehen.

für Silicon.de



Die Systems-Ära

und ihr Ende

Von 1969 bis 2008  hat die ITK-Messe Systems das Hight-Tech-Image Bayerns in die Welt getragen.

Discuss&Discover
–>Hat sie eine Zukunft?

Systems '08
–>Münchens künftiger ITK-Event
–>Das endgültige Aus

Systems '07:
–> Nicht tot zu kriegen

Systems '06:
–> bleibt eine Hängepartie
–> Viel Schatten

Systems '05:
–> Provinz oder Highlight
–> So geht's nicht weiter

Systems '04:
–> Mittelstand und Medien
–> gegen Hersteller-Events

Systems '03:
–> zu sich selbst gefunden

Systems '02:
–> Silberstreifen für Mutlose

Systems '01:
–> Nüchtern aus Verzweiflung