Leitartikel für die Computerzeitung

von Juli bis Dezember 2001

 


In der Krise: Business as Usual

18. August 2001 – Ein bis drei Prozent des Umsatzes geben Unternehmen üblicherweise für ihre Informationstechnik aus. Bei der Vorbereitung auf das Jahr 2000 war es ein etwas mehr. Danach legten viele DV-Abteilunge eine kleine – für die Hersteller schmerzliche - Verschnaufpause ein. In dieser Zeit informierte man sich über die Möglichkeiten und Notwendigkeiten des neumodischen E-Business. Handelshäuser legten E-Commerce-Projekte auf, Zulieferer begannen – auch auf Druck ihrer Großkunden – sich an Online-Auktionen zu beteiligen und sich ein Konzept für die Einbindung in eine Internet-gestützte Zulieferkette zu überlegen. Während alle Welt das Dotcom-Sterben bejammert und die IT-Branche Mitarbeiter zu zehntausenden entlässt, wurden die Überlegungen beendet, die Projekte aufgesetzt und die Umsetzung in Angriff genommen. 

Von Krise ist zumindest bei den mittelständischen Anwendern nur wenig zu spüren. Die wenigsten von ihnen haben sich vom Fieber der vergangenen zwei Jahre anstecken lassen. Um so schlimmer für die IT-Branche. Vom Börsenfieber geschüttelt hatten sie beim Umsatz auf ähnliche Gewinnmöglichkeiten gehofft, wie bei ihren Aktienspekulationen. Doch die Anwender-Budgets liegen, wie gehabt, bei ein bis drei Prozent des Umsatzes. Die Hersteller sollte aus ihrer Dotcom-Krise lernen, dass die Finanzchefs ihrer Kunden dafür sorgen, dass aus jeder IT-Revolution eine kontrollierte und bezahlbare Evolution wird.




Big Blue is back again

11. August 2001 – Einst war IBM in der Branche als  Monopolist gefürchtet. Der Versuch, die IT-Welt mit Hilfe einer einheitlichen System Anwendungs Architektur (SAA) zu kontrollieren, führte direkt in die Firmenkrise der 90er Jahre. Seither hat sich der Konzern für externe Entwicklungen geöffnet. Techniken wie Java, XML und Windows gehören heute zur Kernstrategie. Diese Öffnung und die unerschöpflichen Ressourcen des Konzerns haben geholfen, ihn in einen Bauchladen für Techniken und Dienstleistungen jeder IT-Art umzuformen. Auch der heute alltägliche Begriff E-Business wurde von Big Blue geprägt.

Lange war man dort allerdings unglücklich, weil das E-Marketing vor allem Mitbewerbern genützt hat, die es weit besser verstanden, sich als Dotcom-Spezialisten in Szene zu setzen. In diesen Tagen wirkt das angestaubte Image und die Stabilität des mehr als 100 Jahre alten Computer-Herstellers jedoch eher Vertrauen erweckend. Zudem: Während der Mitbewerb mit Entlassungen Schlagzeilen macht, präsentiert sich Big Blue als Vorreiter im Chip- und Server-Bereich sowie bei In-Techniken wie Grid-Computing und Linux. Big Blue ist zurück – ganz ohne Monopolismus-Ambitionen.


Web-Services: Eine gute Idee zum falschen Zeitpunkt

5. August 2001 – Das Konzept, Software als Dienstleistung via Web anzubieten, ist revolutionär aber nicht neu. Vor etwa fünf Jahren sollten unter der Fahne von Componentware auf  Software-Konfiguration spezialisierten Online-Händler dem Geschäft mit Programm-Monolithen den Garaus machen.

Der Plan scheiterte an fehlenden Standards und technischen Problemen, die heutzutage gelöst scheinen. Dass Unternehmen wie Microsoft, IBM, Ariba und weitere 280 Unternehmen das Projekt unterstützen deutet auf einen möglichen Erfolg.Dagegen spricht allerdings die mit den Web-Services verbundene Absicht das für viele Nutzer bislang weitgehend kostenlose Internet-Angebot durch ein Bezahl-Web zu ersetzen.

Der Zusatznutzen der neuen Dienste müsste schon gewaltig sein, sollen sich die verwöhnten Surfer dafür ihre Geldbeutel öffnen. Mit Aktienkursen oder Sportergebnissen ist hier sicher kein Geld zu machen. Andere Angebote, wie den Firmenkalender oder Gehaltsabrechnungen von einem fremden Dienstleister betreuen zu lassen, rufen schon im Vorfeld die Datenschützer auf den Plan.

Zudem dürften die nach der Dotcom-Krise gebeutelten Software-Entwickler erst einmal die Nase davon voll haben, mit neu zu entwickelnden Web-Services schon wieder in einen aufwendigen und teuren Wettbewerb um Geschäftsmodelle zu treten. Schließlich stellt sich die Frage ob die Software-Anbieter wirklich zu einer Service-Revolution bereit sind? Doch selbst wenn sich das Modell entgegen aller Nörgelei durchsetzt: Haben Oracle, SAP und Co. tatsächlich keine Angst davor, dass sich Unternehmen aus dem UDDI-Branchenverzeichnis Dienste von hoch spezialisierten Newcomern holen, während sie noch dabei sind ihre Software-Monolithen in Komponenten aufzuspalten?

All diese offenen Fragen könnten die längst überfällige Revolution des Software-Markts ein zweites Mal scheitern lassen*.

*Heute weiß ich, dass gerade diese Branche in Krisenzeiten die Aussicht auf neue Geschäftsmodelle braucht. Die damaligen Pläne von Microsoft, sich als zentrale User- und Bezahverwaltung als Spinne ins Netz der Web-Services zu setzen, sind allerdings am MIsstrauen der Branche wie der User gescheitert.


Sicherheit ist immer zu teuer

30. Juli 2001 – Mittelständische Unternehmen sind insbesondere hier zu Lande meist unterkapitalisiert. Investitionen werden daher oft nur getätigt, wenn sie unvermeidbar sind oder die Aussicht auf Gewinn ausreichend sicher scheint. Beides trifft bei den Kosten für Sicherheit nicht zu. Hier soll das Unternehmen massiv in Vorleistung treten, damit nichts (schlimmes) geschieht. Die Chance, dass auch ohne Sicherheits-Management alles gut geht, ist verlockend groß.

Als Kompromiss wird dann zwar die Firewall angeschafft, die als Einmalbelastung vertretbar erscheint, die Einstellung oder Schulung eines Fachmannes, der die Software bedarfsgerecht einrichtet und eine firmenweites Sicherheitsregelwerk etabliert gilt häufig als zu aufwändig. Das schlechte Gewissen reagieren die Verantwortlichen dann gern in Umfragen ab, bei denen sie zum Beispiel die mangelhafte Sicherheit etwa bei Application Service Providern beklagen, bei denen sie eine ähnliche Nachlässigkeit vermuten wie im eigenen Haus.





Fiorina beschwört HPs Erfindergeist

21. Juli 2001 – In der Werbung beschwört HP-Chefin Carly Fiorina den Erfindergeist von Bill Hewlett und David Packard. Diese hatten sich 1937 vorgenommen „keine Produkte zu kopieren, die es am Markt schon gibt“. Die Welt verdankt diesem hohem Anspruch neben einer Reihe Messgeräte, unter anderem den Taschenrechner sowie Tintenstrahl- und Laserdrucker.

Doch der modische Shareholder Value machte in den 90er Jahren auch von HP nicht Halt. Auf PC-Ebene legte sich der damalige Chef Lew Platt auf eine Betriebssystemtechnik fest, die es am Markt längst zu kaufen gab: Windows. Damit war der Wille zum Erfinden eigener IT zugunsten von Geschäftsinnovationen gebrochen. Dass künftig HP-Server mit den 64-Bit-Chips von Intel bestückt werden, ist nur ein konsequentes Fortschreiten auf dem Weg zur me-too-Company. Die wirtschaftlichen Argumente dafür sind stichhaltig. Gegen das Wintel-Team mit eigener Hardware und Betriebssystem anzutreten, gliche einem Kampf gegen Windmühlen. Dennoch hat HP damit sein Gesicht verloren,  sein Alleinstellungsmerkmal als Erfinderbude. Schlimmer noch, das Unternehmen ist Wintel in den PC-Massenmarkt gefolgt, der selbst in guten Zeiten nur winzige Margen kennt und der zudem durch mobile Geräte aller Art unter Druck kommt. Aber noch trägt die Firmenkultur.

Die Mitarbeiter, verzichten auf Urlaub und Lohn. Selbst die Entlassungen von sieben Prozent der Belegschaft nehmen sie fast ohne Murren hin. Damit anerkennen sie, dass ihre Chefin – wie in der Werbung gezeigt - das Problem erkannt hat, und dafür sorgt, dass aus den Labors bald wieder zukunftsträchtige Erfindungen oder zumindest durchschlagende Geschäftsideen kommen. Carly Fiorina hat eine Galgenfrist bekommen.


Neue Regeln helfen denen, die keine Hilfe brauchen


14. Juli 2001 – Im fast schon unanständiger Eile ist der Gesetzgeber auf die Bedürfnisse der hiesigen Internet-Wirtschaft eingegangen und hat das Rabattgesetz abgeschafft.  Damit wurden gravierende Wettbewerbsnachteile gegenüber  ausländischen Internet-Anbietern aus dem Weg geräumt, die fast nach Belieben Preisnachlässe gewähren durften. Ob ausländische Online-Anbieter diese Chance jemals sinnvoll hätten nutzen können, darf bezweifelt werden, weil im internationalen Handel Transportkosten und  Zölle die Auktionsgewinne rasch wieder aufgefressen hätten. Mit dem Schielen auf einen scheinbar lukrativen Online-Markt hat der Gesetzgeber dafür gesorgt, dass es jetzt für kleine und mittlere Händler, gleichgültig ob on- oder offline, immer schwieriger sich gegen finanzstarke Großunternehmen zu behaupten.  

Ähnlich kurzsichtig agiert jetzt auch die Deutsche Börse. Noch vor einem Jahr wurde die Volksaktie gepredigt, die auch für Menschen mit kleinen Einkommen erschwinglich sein sollte. Nun muss der als Zockerbörse ins Gerede gekommene Neue Markt von schwarzen Schafen gesäubert werden. Dagegen ist im Grunde nichts einzuwenden. Leider trifft es nicht immer die Richtigen.
Besonders hart hat es das noch im vergangenen Jahr ameisenfleißig werbenden Dotcom letsbuyit.com erwischt, dessen Aktie inzwischen nicht einmal mehr 50 Pfennig wert ist. Damit droht dem Unternehmen nach den neuen Pennystock-Regeln, mit denen die Börse ihren angeschlagenen Ruf retten will, der Rausschmiss aus dem Neuen Markt. Das ist ungerecht. Gezockt haben meist nicht die Dotcom-Firmen, sondern – von ihren Banken und Analysten beraten – die Anleger.

*Letsbuyit.com ging damals pleite, wurde aber 2008 als Preisvergleichs-Suchmaschine neu gegründet. Geblieben ist die Ameise als Werbe- und Sympathietreiber. Über die Zockermentaliät in den Dotcom-Unternehmen würde ich heute nicht mehr so freundlich urteilen.


Firmenkultur bewährt sich in der Krise

HP Way of Life


8. Juli 2001 -  Hand in Hand mit den Wirtschaftsliberalen hat die New Economy  ihren Zöglingen vor allem eines beigebracht: Egoismus. Eine halbseidene Geschäftsidee reichte, um ein Unternehmen zu gründen, deren einziger Zweck war, seine Mitarbeiter über einen raschen Börsengang mit anschließendem  Firmenverkauf zu Millionären zu machen. Dafür nahm die Belegschaft einige Jahre der rücksichtslosen Selbstausbeutung gern in Kauf. Im Konkurrenzdruck mit der explodierenden New Economy gaben die  etablierte Unternehmen  rasch nach und ließen zu, dass sich auch bei ihnen der Virus des Egoismus als zentrale Karrieretriebfeder  einnistete.  Es ist also kein Wunder, dass nur über Geld und Aktien motivierte Mitarbeiter in der jetzigen  Krise davon laufen (wenn es sich um gesuchte Spezialisten handelt) oder nach den Segnungen der Gewerkschaft rufen, für die sie bislang nur ein Naserümpfen übrig hatten. In dieser Situation zahlt sich aus, wenn Unternehmen über eine Kultur gegenseitiger Loyalität entwickelt haben. Dadurch erklärt sich, dass bei Hewlett-Packard*  die Mitarbeiter freiwillig auf Urlaubstage verzichten, um dem Unternehmen zu helfen.

*HP war es im Herbst 2000 unter den neuen Chefin Carly Fiorina nicht gelungen, Price-Waterhouse-Cooper (PWC) zu kaufen, um damit den Weg IBMs zum IT-Dienstleister zu beschreiten. Big Blue übernahm das Beratungshaus 2002 für einen Bruchteil des HP-Angebots. Der PC-Preiskrieg von Dell und das Platzen der Dotcom-Blase verschärfte die Situation gefährlich.


Orientierung*


2. Juli 2001 – Verkatert tastet sich die IT-Branche nach dem Dotcom- und Handy-Rausch ins neue Jahrtausend. Auch wenn E-Business sowie der Gebrauch von mobilen Telefone und Kleinstcomputern sind nicht mehr aus unserer Welt wegzudenken ist. Bleibt die bange Frage, welche neuen Hoffnungsträger die IT-Industrie aus dem Konjunkturtal ziehen sollen. Was ist möglich, was braucht die Wirtschaft und was akzeptieren die Kunden? Solchen Fragen geht die Computerzeitung seit Jahrzehnten auf den Grund.

Als Zeitung für die Informationsgesellschaft läuft sie nicht jedem Marketing-Trend hinterher, sondern beobachtet IT-Trends in ihrer ganzen Breite von der Forschung über die Wirtschaft bis hin zu den gesellschaftlichen Folgen. Ein neuer Chefredakteur kann hier nichts besseres tun, als sich in diese Tradition zu stellen. Auch für die erfahrenen Redakteure der Computerzeitung wird es eine Herausforderung sein, in diesen ungewissen Zeiten neben rascher Information auch Orientierung durch treffende Analysen zu bieten.

Einige Beispiele für die verwirrende Situation: Intershop, einer der wichtigsten Software-Ausrüster der Internet-Händler, versucht sich schon seit Jahren von der New Economy abzugrenzen. Schließlich sei man ein klassisches Softwarehaus.  Umgekehrt hält Intel auch nach dem Dotcom-Desaster an seiner fragwürdigen Stilisierung zum Anbieter von E-Business-Infrastruktur an. An einem Scheidepunkt befindet sich auch Software-Gigant Microsoft. Haben nicht viele Analysten die Zerschlagung des Konzerns als Chance für eine Modernisierung gedeutet?  Jetzt besteht die Gefahr, dass die Firmenleitung die Abweisung der Aufspaltung als Aufforderung  missverstehen, wie bisher weiterzumachen . Es wäre fatal, wenn einzig das Unternehmen, dass alle Welt mit  Betriebssystemen beliefert, sich nicht an der Neuorientierung der Branche beteiligen würde. Die Computerzeitung und ihre Leser gehen interessanten Zeiten entgegen.

*Der neuen Chefredakteur Hermann Gfaller stellt sich vor.


weitere Leitartikel folgen

 


Ein verspäteter Nachruf:

Die Computerzeitung wurde 1970 als erste IT-Publikation Deutschlands gegründet und leider 2009 eingestellt.

Sie hat in ihren letzten Jahren wenig wirtschaftlichen Erfolg gehabt, ist aber immer eine sympathische Publikation geblieben. Besonders sympathisch war mir der unermüdliche Versuch komplexe Sachverhalte in einfacher Sprache und frei von aufgeblähten Marketing-Begriffen zu vermitteln. Diese Sprache hatte auch damit zu tun, dass die Computerzeitung wenigen an Unternehmen, als an Privatadressen versandt wurde. Es war, wie meine Frau es einmal formulierte, eine Zeitung für Informatiker und ihre Familien.

Dazu passt, dass die Redaktion sich im Trubel der sich jagenden Produkt-Hypes an die Wissenschaft wandte um langlebige Trends von Strohfeuern zu unterscheiden. Schließlich war die Computerzeitung die Hauszeitung der Gesellschaft für Informatik (GI). Außerdem verwässerte die Redaktion den Herstellerjubel gerne durch den Blick auf die sozialen Folgen der Informationstechnologie. Schließlich verstand sich die Computerwoche als Blatt für die Informationsgesellschaft. Dazu zählt auch, dass die Redaktion bis zum Schluss konsequent die Open-Source-Bewegung unterstützte.

Ich hatte das Privileg anno 2002 der Computerzeitung kurz als Chefredakteur zu dienen. Doch die Dotcom-Krise und ihre schwierige Bewältigung haben uns rasch wieder getrennt. Mit ein paar meiner Texte aus dieser Zeit möchte ich an die Computerzeitung erinnern und mich vor allem bei den damaligen Kollegen für die Zeit dort bedanken.