Systems 2004: Mittelstand und Digitale Medien

Die Systems-Veranstalter sehen sich im Aufwind. Das immer zu Messebeginn vom ITK-Verband Bitkom abgelesene Branchenbarometer zeigt klar nach oben. Nun könnte sich auszahlen, dass sich die Systems unter der Regie von Klaus Dittrich konsequent zur Mittelstandsmesse entwickelt hat. Mit großen Erwartungen wurden zudem gemeinsame Aktionen mit den Medientagen angegangen. Doch die Zahlen klingen bislang wenig ermutigend. Die Hallen wurden von sieben auf sechs reduziert, die Zahl der Aussteller stagniert bei 1289.

Dittrich verkauft die Stagnation als „Stabilisierung“ in einem Umfeld, das weltweit von einem Messesterben charakterisiert sei. Gleichzeitig leugnet er allerdings, dass sich Messen generell in einer Rechtfertigungskrise befänden. Eine Emnid-Umfrage belege, dass die Ausgaben der Hersteller für Messeaktivitäten seit 1999 relativ konstant geblieben seien. Aus den Zahlen geht jedoch nicht hervor, wie viel dieser Gelder inzwischen in Hausmessen gesteckt werden. Angst vor diesem derzeit von vielen Anbietern bevorzugten Konzept zeigt Dittrich nicht. Für mittelständische Anwender, die kaum eine Fachzeitschrift läsen, seine Messen wie die Systems optimal, um sich rasch zu informieren. „Wir sind groß genug, um das ganze Lösungsspektrum abzudecken, aber auch klein genug, dass sich unsere Besucher noch zurechtfinden“. Hausmessen dagegen seien viel zu aufwändig. „Ich könnte alle 14 Tage auf eine Hausmesse gehen und wäre dann das ganze Jahr unterwegs.“

Das Messekonzept: Arbeitszimmer statt Schaufenster

Auf die Abqualifizierung von Microsoft-Geschäftsführer Michael Gallmann als „Wald- und Wiesen-Messen“ reagierte Dittrich, indem er schmunzelnd ein entsprechendes Landschaftsbild unter Systems-Logo an die Wand projezierte. Sein durchaus ernst gemeinter Kommentar: „Das Bild ist eindeutig falsch“.

Tatsächlich steht gerade Dittrich für die Modernisierung der Münchner IT-Messe. Dazu gehört die klare Fokussierung auf den Mittelstand und die damit verbundenen Konzepte, sich an der besonderen Situation dieser Anwendergruppe zu orientieren. Dittrich: „Auf der Systems spricht man mittelständisch.“ Um sich bei dieser Zielgruppe verständlich zu machen, ergänzen Foren und kleine Kongresse das Ausstellungsprogramm. Der Umgang mit IT-Sicherheit wird in einer extra aufgebauten Musterfirma veranschaulicht, branchenspezifische Rundgänge helfen den Anwendern, betriebswirtschaftliche Lösungen zu finden. Auf besonderes Interesse dürfte Bitkoms Beratungsforum über Finanzierungsmöglichkeiten für mittelständische IT-Anwender stoßen. Dieses interaktive Programm veranlasst Dittrich, im Widerspruch zu Gallmann, die Systems nicht als Schaufenster, sondern als „Arbeitszimmer der Branche“, zu definieren. Er zeigte sich darüber hinaus zuversichtlich, dass Microsoft den Wert des Systems-Konzepts erkennen und bald wieder mit einem größeren Stand antreten werde. Auch Aussteller wie Epson, NEC, Sage und Softlab seien nach kurzer Abstinenz wieder zurückgekehrt.

Erschließung neuer Märkte

Außerdem versucht sich die Messe neue Märkte, insbesondere in Mittel- und Osteuropa zu erschließen. Doch Anbieter aus dem Osten können sich die Messeteilnahme meist nur dank finanzieller Hilfe ihrer Regierungen leisten, die oft nur einmal gewährt wird. Der Auftritt in München muss also gleich beim ersten Mal konkrete Erfolge zeitigen, soll daraus nicht eine Eintagsfliege werden wie vor zwei Jahren der Auftritt der Balten. In der Hoffnung, so die Chancen für Abschlüsse zu erhöhen hat man die Aussteller aus den Beitrittsländern nicht auf einen Gemeinschaftstand zusammengefasst, sondern je nach ihren Produkte über die Messe verteilt. Die Anbieter, so der Gedanke, sollen nicht durch ihre Herkunft, sondern mit ihrer Lösung überzeugen. Eine gleichzeitig in München stattfindende Konferenz der IT-Minister aus den Teilnehmerländer dient dazu, von staatlicher Seite für nachhaltige Geschäftsbeziehungen zu sorgen.

Was die Besucher betrifft, so sollen rund zehn Prozent aus dem Ausland kommen, rund die Hälfte davon aus dem Nachbarland Österreich. Der Grund: Es gibt dort keine eigene IT-Messe mehr von Rang. Außerdem lockt die Systems mit 29-Euro-Flügen von Wien nach München. Besucher aus anderen mittel- und osteuropäischen Ländern werden kostenlos mit 20 Sonderbussen zur Messe gefahren, sofern sie eine Freiticket von einem Aussteller vorweisen können.

Die Systems will sich aber nicht nur regional ausbreiten, sondern auch thematisch. Sie versucht frühzeitig Zukunftstechniken zu besetzen. Schon im vergangenen Jahr gab es die Communication World, eine Kongressveranstaltung die im Untertitel treffender „Mobile Summit“ heißt, und in diesem Jahr 600 Teilnehmer zählt. Dieses Mal allerdings gilt das Augenmerk nicht nur Smartphones und PDAs, sondern auch der Satellitenkommunikation, konkret dem europäischen Galileo-Projekt.

Konventionellere Messeschwerpunkte sind Dokumenten-Management (65 Aussteller), der Security-Bereich, der mit rund 270 Ausstellern eine ganze Halle füllt, sowie Open Source/Linux. Unter anderem präsentiert die Stadt München ihr Open-Source-Projekt. Dabei kann sie vom IT-Chef der norwegische Stadt Bergen, der den Umstieg bereits bewältigt hat und auf der Sytems von seinen Erfahungen berichtet.

Medientage und Systems: Clash of Cultures

Die Medientage waren die große Konkurrenz

Mit besonders hohen Erwartungen befrachtete die Systems die Zusammenarbeit mit den Medientagen. Die extra für „Digital Media & Technology“ hergerichtete Halle B1 ließ sich jedoch kaum zu einem Viertel mit einschlägigen Ausstellern füllen. Kaum einer wechselte von der Ausstellungsfläche der Medientage zur Systems. Dennoch verbucht Dittrich das Experiment als Erfolg. Damit hat er insofern Recht, als es ihm offensichtlich gelungen ist, die Konkurrenzängste auf den seit einigen Jahren nahezu gleichzeitig stattfindenden Medientagen abzubauen. Dabei war die darbende Kongressmesse Ende der 90er Jahre in die Nähe der Systems gerückt, um vom internationalen Renommée der damals boomenden IT-Veranstaltung zu profitieren. Gleichzeitig versuchten die „kreativen“ Medienmacher“ allerdings lange die Niederungen der digitalen Technik zu ignorieren, obwohl diese längst eine Hauptrolle bei der Produktion von Druckerzeugnisse, Radio- und Fernsehsendungen spielte. Um die Jahrtausendwende drohte Streit, als Internet- und Mobilfunk und damit die Systeme sich zu Konkurrenten herkömmlicher Medien entwickelten. Die Krise erfasste Systems wie Medientage und bereitete das Feld für die Kooperation. Seit allein in München mehr als 4000 Medienschaffende Arbeit suchen, fahnden auch die Medientage nach den Chancen der digitalen Technik. So lautet in diesem Jahr der Untertitel der Kongressmesse: Merging Media – Potenziale und Konsequenzen der Digitalisierung.

Viele Themen der Medientagen könnten auch auf der Systems diskutiert werden. Unter den 93 Panels gibt es eigenen Reihen zu Multimedia und Internet. Dabei geht es um Fragen wie Digital Rights Management, um Bezahlmodelle für das Internet, über Medienneutrale Produktion, Kabelnetze und immer wieder um das Zusammenführen verschiedener Medien mithilfe digitaler Technik. Man scheint sich mit Systems-Chef Dittrich in dem Ziel einig zu sein, die Konvergenz von Telekommunikation, IT und digitalen Medien fördern zu wollen.

Während auf den Medientagen Vorträge und Diskussionen im Vordergrund stehen, sind es in Halle B1 (Digital Media & Technology) vor allem Fallbeispiele, konkret ein digitales Fernseh- und Radiostudio, sowie ein durchgängiger Workflow für Digital Imaging. Die IBM präsentiert ein Projekt für den Multimedia-Einsatz in den Filialen der Parfümeriekette Douglas. Hinzukommen ein eigenes Systems-Forum zum Thema und eine eintägige Konferenz (Dienstag) über die Mediennutzung in einem vernetzten Haushalt.

Trotz vieler gemeinsamer Inhalte sind die Kulturbrüche zwischen Medientagen und Systems nicht zu übersehen. Auf den ersteren machen Ministerpräsidenten, Rundfunkintendanten und Großverleger Politik, die ihren Niederschlag nicht selten in den ARD-Abendnachrichten findet. So etwa als Edmund Stoiber im vergangenen Jahr jegliche Erhöhung der Rundfunkgebühren ablehnte. Die Computer-Themen der Systems dagegen werden nur in Ausnahmefällen außerhalb der IT-Fachblätter wahrgenommen.

Wie schwer sich die Medientage mit der Partnermesse tun, wird daran deutlich, dass sie den Beitrag der Systems zu „Digital Media“ verschämt unter den Tisch kehrt. So muss ein Besucher der Medientage den Veranstaltungskatalog bis fast ganz hinten (Seite 80) durchblättern, um zu erfahren, dass es eine Kooperation mit der Systems gibt und ihn seine Eintrittskarte berechtigt, kostenlos zur Systems zu wechseln und sich dort über die Angebote für digitale Medien zu informieren.

Oktober 2004 in ZDNet.de





Systems 04: Im Wettwerb mit Hersteller-Events

Mit zuversichtlicher Stimme belegte Messechef Klaus Dittrich im vergangenen Jahr, dass nun endlich das Tal der Tränen durchschritten sei. Mit 1300 Ausstellern seien die Erwartungen übertroffen worden und auch bei den Besucherzahlen habe es einen leichten Zuwachs gegeben. So ganz richtig war das nicht, denn nie – so hört man – wurden so viele Freikarten verteilt wie im Herbst 2003, und auch der Ausstellerzuwachs ergab sich nur, weil die Veranstalter ihre Prognose zwischenzeitlich auf 1150 nach unten korrigieren mussten. Nach den Maßstäben der Messebranche handelt es sich bei dieser Zahlenakrobatik allerdings um lässliche Abweichungen von der Wahrheit.

In diesem Jahr übt Dittrich seine Zuversicht wahrscheinlich lange vor dem Spiegel nach dem verzweifeltem Motto: „Die Krise ist vorbei, sie muss einfach vorbei sein, bitte, Herrgott lass sie endlich vorbei sein“. Wieder ist die Systems um eine Halle auf sechs geschrumpft und es wird schwer sein, die erhoffte Vorjahreszahl von 1300 Ausstellern zu erreichen, seit Microsoft seinen Stand von 1200 Quadratmetern auf etwas mehr als 60 Quadratmeter verkleinert und damit vor allem viele Partner quasi ausgeladen hat. Hinzu kommt, dass es nicht – wie geplant – gelungen ist, die Anbieter von digitaler Medientechnik in die Halle B1 zu locken, obwohl Besucher der gleichzeitig stattfindenden Medientage kostenlosen Zutritt erhalten. Der im vergangen Jahr groß als neuer Schwerpunkt angekündigte Medienbereich füllt daher gerade ein Viertel der Halle, so dass nun auch die Internet-Anbieter dort leicht Platz finden. Wie schwer sich die Veranstalter in diesem Jahr mit Optimismus tun, zeigt dass sie sich weigern Prognosen über Besucherzahlen abzugeben.

Dabei bemühen sich die Systems-Organisatoren seit Jahren redlich, sich den veränderten Bedingungen anzupassen. Zerknirscht wurden die internationalen Ambitionen auf Mittel- und Osteuropa zusammengestutzt und zähneknirschend die Rolle als Regionalveranstaltung mit einem Einzugsradius von 500 Kilometern akzeptiert. Dieser Realismus führte dazu, dass im vergangenen Jahr die Bedürfnisse der meist mittelständischen Besucher erstmals wirklich ernst genommen wurden. Hier liegt hier der eigentliche Schwerpunkt der Messe. Es finden wieder die erfolgreichen Branchenrundgänge statt, ergänzt um „Musterfirmen“, in denen sich IT-Lösungen live erleben lassen. Adressiert wird die Kundschaft nicht mehr nur grob nach Kriterien wie Handel oder Fertigung. Angebote gibt es jetzt für Hotel und Gastronomie, Produktion, Logistik und Handel, Schulen und Behörden sowie Freiberufler wie Rechtsanwälte, Steuerberater und Ärzte. Beraten werden die Mittelständler vor allem in Sachen betriebswirtschaftlicher Software, Finanzierung und Security. In „gläsernen Teststudios“ müssen sich Peripheriegeräte beweisen. Hinzu kommt ein breites Vortragsangebot in den verschiedenen Foren. Fraktales Marketing nennen Fachleute diese zielgruppengenaue Ansprache, die auf der Systems noch durch interessenspezifische Unterveranstaltugnen wie „Mobile Summit“ und „Communication World“ unterstrichen wird.

Wenn die Aussichten in diesem Jahr dennoch nicht allzu rosig sind, dann liegt das allerdings nur zu einem Teil daran, dass der Wirtschaftsaufschwung insbesondere bei den mittelständischen Unternehmen immer noch auf sich warten lässt. Vielmehr sieht es so aus, als seien Großveranstaltungen wie Systems und CeBIT generell aus der Mode gekommen, Microsoft-Geschäftsführer Jürgen Gallmann nennt sie abschätzig „Wald- und Wiesen-Messen“. Einige Zeit stand in seinem Unternehmen sogar die CeBIT-Teilnahme zur Disposition. Für Marketingzwecke haben die großen Hersteller längst Massen-Events wie Tennis-Tourniere, Autorennen oder Radrennen (Team Telekom) entdeckt. Geht es um das Geschäft versprechen sie von Roadshows oder Hausmesse deutlich mehr Kundennähe. Sicher ist es für die Anwender praktisch, wenn der Anbieter fast vor die Haustür kommt. Außerdem lassen sich so auch die Vetriebspartner vor Ort optimal einbinden. Ob auch mögliche Neukunden zu solchen Veranstaltungen finden, darf allerdings bezweifelt werden. Zudem fehlt für die Besucher sowohl bei Roadshows wie bei Hausmessen der Vergleich zu Konkurrenzprodukten.

Verloren haben die meisten Messen darüber hinaus ihre einst zentrale Rolle beim Setzen von Trends. Die Ausnahme: Die weltgrößten IT-Konzerne nützen die wichtigste Messe (derzeit die CeBIT), um ein neues Konzept zu propagieren, wie vor zwei Jahren die IBM mit „Computing on Demand“. Für kleinere Firmen ist die Gefahr viel zu groß, mit ihren Neuerungen in der Menge unterzugehen. Bei Erstinformation über aktuellen Techniken laufen Fachpublikationen auf Papier sowie im Netz den Messen längst den Rang ab. Insofern müssen sich die Veranstalter neu orientieren. Hier hat die Systems mit einer klaren und realistischen Positionierung (Mittelstand und Regionalmesse) schon die richtigen Grundlagen gelegt. Und auch bei der von Fachleuten geratenen Umstellung von der reinen „Ausstellung“ zum „kommunikativen Event“ sind in München die Weichen gestellt. Diskussionsforen, Rundgänge, Teststudios und Beispielfirmen entsprechen diesem Rezept. Jetzt müssen nur noch die Aussteller und die Besucher kommen.

Oktober 2004 in ZDNet.de


Die Systems-Ära

und ihr Ende

Von 1969 bis 2008  hat die ITK-Messe Systems das Hight-Tech-Image Bayerns in die Welt getragen.

Discuss&Discover
–>Hat sie eine Zukunft?

Systems '08
–>Münchens künftiger ITK-Event
–>Das endgültige Aus

Systems '07:
–> Nicht tot zu kriegen

Systems '06:
–> bleibt eine Hängepartie
–> Viel Schatten

Systems '05:
–> Provinz oder Highlight
–> So geht's nicht weiter

Systems '04:
–> Mittelstand und Medien
–> gegen Hersteller-Events

Systems '03:
–> zu sich selbst gefunden

Systems '02:
–> Silberstreifen für Mutlose

Systems '01:
–> Nüchtern aus Verzweiflung