Naturwissenschaftler möchten etwas Besonderes sein

Studenten diskutieren über Fachgrenzen hinweg mit Forschern

Selten gibt sich die Wissenschaftsgemeinschaft so interdisziplinär, multikulturell und verantwortungsbewusst wie auf den jährlichen Symposien der International Max-Planck-Research-School (IMPRS). Diesmal widmeten sich die Wissenschaftler zudem intensiv ihrem schwierigen Verhältnis zur Öffentlichkeit.

Das Denken der Fliegen erforschen, die Meere ebenso ausleuchten wie einzelne Elektronen, Moleküle unterkühlen, Krebs ohne die das Immunsystem zerstörende Chemo bekämpfen sowie für Artenvielfalt und die Kernfusion werben. Das waren nur einige der vielen Themen über die an den beiden von Musikveranstaltungen umrahmten Symposiums-Tagen diskutiert wurden.

Leider fiel es den Redner in diesem Jahr schwerer als 2009 sich aus ihren Fachbereichen zu lösen, obwohl der auf Elementarphysik spezialisierte Wissenschaftshistoriker Helmut Rechenberg in seinem Eröffnungsvortrag hervorhob, wie intensiv bereits Werner Heisenberg, Niels Bohr oder Werner Schödinger die Verknüpfungen zu Biologie und Chemie diskutierten. Noch im vergangenen Jahr waren die Teilnehmer mit dem Darwinismus der Moleküle verwöhnt oder mit dem neurologischen Geist-Körper-Argumenten des studierten Mediziners Friedrich Schiller.  So stellte sich die Interdisziplinarität  in diesem Jahr lediglich durch die Vielfalt der Vorträge ein und durch das Bemühen der Redner, nicht allzu viel fachchinesisch zu bemühen.

Der Vergleich mit dem Vorjahr ist nicht ganz fair. 2009 war Einstein-, Schiller- und Humboldt-Jahr und somit naturgemäß ein Anlass sich an die enge Verflechtung von Wissenschaft und Kultur zu besinnen. Dieses Jahr reflektierte die Veranstalters – auch angesichts der öffentlichen Kritik an Gentechnik, Kernkraftdebatten und Umweltschutz  –die schwierige Kommunikation zwischen Öffentlichkeit und Naturwissenschaft.

Wissenschafts-Sozioöoge Harry Collins las der den Forschern die Leviten: Die exakten Wissenschaften seine alles andere als exakt, aber damit immer noch besser als jede andere Erkenntnisform. 



Kein Problem hatten die die Studenten und Wissenschaftler sich in Bezug auf die oft in ihrer Zuverlässigkeit überschätzten Grundlagen ihrer vorgeblich exakten Disziplin die Leviten lesen zu lassen, was der schottische Wissenschaftssoziologe Harry Collins mit großer Verve tat. So verwies er zu Recht darauf, dass alle wissenschaftliche Beobachtung kulturellen Vorurteilen folgt, und man nur sehen kann, was man sehen will. Auch fragte er, wie viel Computerbeweis taugt, wenn er von Menschen nicht mehr Nachvollzogen werden kann.

Die mexikanische Quantenphysikerin Ana Maria Cetto gab sich weniger Grundsätzlich, sondern ermahnte die Wissenschaftler öfter zuzugeben, wenn sie etwas nicht wissen, anstatt sich mit scheinbarer Autorität aufzuplustern. Wissenschaftliche „Ergebnisse“, die nur ein halbes Jahr halten, würden die ganze Branchen nach und nach diskreditieren.

Für den Wissenschaftshistoriker ist das Kind schon in den Brunnen gefallen, wenn er klagt, dass zwar jeder den Nobel-Preis kennt, aber keiner außerhalb des engsten Kreises die Preisträger und deren Leistungen benennen kann. Für ihn ist es kein Wunder, das die Öffentlichkeit ein „völlig falsches“ Bild von Wissenschaftlern hat, denn diese würden ihre Erkenntnis nicht finden, sondern erfinden, ihre Theorien entgegen der allgemein anerkannten Lehre des Philosphen Karl Popper nicht falsifizieren, wie es ihre Aufgabe wäre, sondern solange daran rumbasteln, bis sie sich verifzieren lassen, was laut Popper nicht geht.

All das nahm das akademische Publikum geduldig hin, weil die Redner ihnen vesicherten, zu einer ganz besonderen Gruppe zu gehören. Zwar fiel das Wort „elitär“ nicht, daber einen Studenten spitzte das Thema bei der Podiumsdiskussion am ersten Abend zu der Frage zu: „Ist die naturwissenschaftliche Weltsicht anderen Vorstellungen überlegen?“ Verblüffenderweise war die Antwort ein klares „Ja“. Und nur zaghaft wagte es einer der älteren Wissenschaftler der darin steckenden Kritik an Religion und Kultur zu widersprechen.

Und immer wieder rechtfertigten Studenten und Wissenschaftler ihre Sonderstellung mit ihrem Ziel, die Natur besser verstehen zu wollen. Sobald es um Welterklärungen aus den nicht exakten Wissenschaften oder gar aus Kultur und Religion ging, waren die nachdenklichen Töne vergessen, wonach das immer weitere Aufbrechen der eins als unteilbar geltenden Atome uns die Welt eher verkompliziert als erklärt und zudem für das Leben außerhalb der Wissenschaft zunehmend irrelevant wird. Fischer plädierte sogar für eine formales Gremium, das die Regierung ähnlich wie der Rat der Wirtschaftsweisen beraten solle.

Kritik am Missbrauch von wissenschaftlicher Erkenntnisse etwa in der Gentechnik oder bei der Atomkraft pralle ab. Hier fühlten sich die Anwesenden nicht zuständig, weil es sich hier nur um angewandte Wissenschaft und nicht um Forschung handle. Es sei nicht ihre Schuld, dass Laien hier nicht klar trennten. Dennoch duldeten die Forscher, dass Leibniz-Preisträger Günter Hasinger  für die Technik der Kernfusion warb, von der er sich einen zentralen Beitrag zur Lösung künftiger Energieengpässe verspricht.

Bei aller Kritik am Umgang mit dem diesjährigen Schwerpunktthema überwiegt jedoch der positive Eindruck. Das Konzept der „New Frontiers of Science“ geht auf, junge Studenten aus aller Welt mit Wissenschaftler und Nobelpreisträgern zu einem interdisziplinären Symposium zusammen zu bringen. Die meisten Redner bemühten sich redlich auch für andere Fachbereiche verständlich zu bleiben und zeigte oft auch das gesellschaftliche Potential ihrer Forschungen auf. So zeigte der Mediziner Aaron Bernstein auf, wie sehr seine Disziplin bei der Suche nach Medikamenten auf eine möglichst große Biodiversität angewiesen ist. Es ist zu hoffen, dass die die Verbindungen zwischen Geistes- und Naturwissenschaften im nächsten Jahr nicht mehr nur auf das Rahmenprogramm beschränkt bleibt.

 


Europäische Forschung: Gemeinsam sind wir Spitze

Das Euroscience Open Forum (ESOF) 2006 zu Gast in München

München wird Schaufenster paneuropäischer Forschung. Vom 15. bis 19. Juli zeigt das Euroscience Open Forum (ESOF) in einer interdisziplinären Wissenschaftskonferenz und allgemein zugänglichen Veranstaltungen, was Europas Forschung zu bieten hat.

Die Wissenschaftler des ESOFs haben rund um das Deutsche Museum ein breit gefächertes Programm auf die Beine gestellt, das die voraussichtlich 2500 registrierten Teilnehmer aus der ganzen Welt auffordert, den Blick weit über die Grenzen der eigenen Fachgrenzen schweifen zu lassen. Willkommen sind aber auch interessierte Laien, für die es eine Vielzahl kostenloser Veranstaltungen gibt. Dazu gehören die Plenarvorträge und Ausstellungen mit Ständen europäischer Wissenschaftseinrichtungen.

Das Spektrum der Themen reicht von den Tiefen des Ozeans über die Vulkanforschung bis ins Weltall, von den Natur-, Geistes- bis hin zu den Sozialwissenschaften. Wissenschaftspolitik und -kommunikation kommen zur Sprache, ebenso wie die neuesten Erkenntnisse in den Schlüsseltechnologien Nano- und Gentechnik, der Umgang mit Naturkatastrophen, Konsequenzen aus der neuesten Hirnforschung oder das Thema „Islam and the science – religion debate in modern times“.

„Europa durch Wissenschaft ein Gesicht geben“, so bezeichnet Dr. Volker Meyer-Guckel vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft das Ziel des ESOFs. MIt mehr als 70 Vorträgen, Seminaren und Workshops soll eine Plattform zum Informieren und Diskutieren geschaffen werden. Sie steht Wissenschaftlern, Journalisten, Unternehmern, jungen Nachwuchstalenten ebenso offen wie allen interessierten Bürgern. Für Renommee sorgen der Eröffnungsvortrag des Physik-Nobelpreisträgers Theodor Hänsch, Referenten wie die Nobelpreisträger Robert Huber, Linda Buck und Jean-Marie Lehn.

Zusätzlich zu den Veranstaltungen um das Deutsche Museum gibt es so genannte Outreach Activities, die in den Wissenschaftssommer 2006 integriert sind. Dieser findet vom 15. bis 21. Juli 2006 statt und steht im Zeichen der Informatik. Mit Schülerlabors, Roboterfußball und andere Aktionen auf dem Münchner Marienhof sollen vor allem Kinder und Jugendliche für Technik begeistert werden. An junge Wissenschaftler und Journalisten richtet sich ein spezielles „Career Programme“.

Zum Hintergrund: In der Bottom-up-Organisation „Euroscience“ (heute 2100 Mitglieder aus 40 Ländern) haben sich 1997 Wissenschaftler zusammengeschlossen und später den Grundstein für das ESOF gelegt. Nach US-Vorbild, dem Jahrestreffen der American Association for the Advancement of Science (AAAS) gebildet, feierte die Wissenschaftskonferenz ihr Debüt in Stockholm 2004. In diesem Jahr gehören zu den Initiatoren die Robert Bosch Stiftung und der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Die Trägerschaft übernimmt die Organisation „Wissenschaft im Dialog“, den Vorsitz des Lenkungsausschusses von ESOF 2006 Professor Wolfgang Heckl, Generaldirektor des Deutschen Museums.

Die 17 Plenarvorträge, Ausstellung und „Outreach Activities“ (Theateraufführungen, Spiele etc.) sind frei zugänglich. Der mehrtägige Konferenzpass kostet 290 Euro, ein Tagespass 116 Euro, für Studenten und junge Wissenschaftler unter 33 Jahren gibt es Ermäßigung. (Programm und Modalitäten unter: www.esof2006.org)

Autorin: Stefanie Siebers-Gfaller


New Frontiers in Science

ein interdisziplinäres IMPRS-Symposium

Das IMPRS (International Max-Planck-Reserach School) Interdisziplinary Symposium New Frontier in Science fand in diesem Jahr zum dritten Mal statt. Es verfolgt folgende Ziele:

- Brücken schlagen zwischen naturwissenschaftlichen Grundlagenforschungen unterschiedlicher Disziplinen, aber auch hin zur Kultur (auch, um die kulturellen Wurzeln nat.wiss. Erkenntnisse offenzulegen) und zur Gesellschaft und zur Öffentlichkeit. Letzteres ist bislang nicht gelungen. Deshalb diese Mail.
- Die Stellung und Verantwortung der Wissenschaft in der Welt klären,
- Studenten, Doktoranden, aktive und emeritierte Wissenschaftler, darunter immer Nobelpreisträger miteinander ins Gespräch zu bringen,
- Studenten aus aller Welt anzulocken.

Die Organisatoren der New-Frontier-in-Science-Symposien  sind Studenten und Doktoranden. Das Konzept für "New Frontiers in Science" stammt von der Eurohaus GmbH, hinter der sich im wesentlichen Konrad Frischeisen verbirgt, der über viele Jahre Sommerakademien für die Ludwigs Maximilians Universität organisiert hat, die ebenfalls das Ziel verfolgten, Kultur und Naturwissenschaften zu versöhnen. Damals wurden Studenten aus aller Welt mit Stipendien nach München geholt, um dort mit Nobelpreisträgern sprechen zu können. Einige von ihnen organisieren heute das IMPRS-Symposium.