CeBIT 05: Unübersichtlicher Optimismus


Es war viel los auf der Messe. In rauen Mengen neue Produkte, Kooperationen, Strategien und andere Ankündigungen. Vor allem aber grassierte allgemeiner Optimismus.

Stimmungsbilder

Nach den eher depressiven Vorjahren stimmte diesmal die Atmosphäre: Wohlig drängelte sich der Messeprofi durch die Mengen, drückte im Pulk von Neugierigen den Amateurrennfahren am Intel-Stand (Halle 2) die Daumen und ließ sich umgeben von dunklen Anzügen die neuesten Business-Intelligence-Trends (Halle 3) erklären. Für eine Cappuccino in Microsofts Multi-Media-Café reichte leider die Zeit nicht. Draußen fielen derweil die letzten Schneeflocken (Mittwoch), strahlte der Himmel (Donnerstag) oder peitschte eiskalter Regen über das Gelände (Freitag), kurz: die CeBIT ist wieder sie selbst. Alle Selbstzweifel der vergangenen Jahre scheinen vergessen.

Das Siemens-Ufo in Halle 1

Auch die Messebauer bewiesen Fantasie. Licht-Design war dieses Jahr die große Mode. Das halbtransparent Siemens-Ufo in Halle 1 erinnerte an das neue Münchner Fussballstadion;  gänzlich durchsichtig leuchten hellgrün die Plexiglas-Quadrate des Easysoft-Stands in Halle 4, während bei Big Blue Neonröhren wie tausend Lichtschwerter aus dem „Krieg der Sterne“ von der nachtschwarzen Decke hingen. Bei O2 wandeln die Besucher dafür unter 30 000 blauen Lichtpunkten, die sich wie eine Welle über den Stand wölben. Weniger einfallsreich, aber immer noch erfolgreich, haben viele Hersteller schnelle Autos (vom Mini bis zum Formel-1-Boliden) als Blickfang auf ihre Stände platziert.

Ist es E-Government oder Technologie-Werbung? Selten traten so viele Politiker aller Couleur in Pressekonferenzen auf, von Kanzler Gerhard Schröder über den bayerischen Wirtschaftsminister Otto Wiesheu (der sich freut, dass Novell die Linux-Entwicklung in Nürnberg belässt) bis hin zu Hessens Ministerpräsidenten Roland Koch und besonders wichtig Innenminister Otto Schily, der gemeinsam mit Franz Beckenbauer die Web-Site der Bundesregierung zur Fußball-Weltmeisterschaft (wm2006.deutschland.de) eröffnete. Anbieter vermeldeten Kooperationen mit verschiedensten Bundesländern, die wiederum fast komplett mit eigenen Ständen vertreten waren. In Hannover hätte man den Eindruck bekommen können, dass Bund und Länder zu den Technologietreibern Deutschlands zählen.

Miesmacher

Das sieht der IT- und TK-Branchenverband Bitkom allerdings ganz anders. Wie von ihm gewohnt, prügelt der scheidende Verbandspräsident Willi Berchthold auch in diesem Jahr auf die Bundesregierung ein. Urheberrechtsabgaben, längere Abschreibungsfristen, Rundfunkgebühren auf Internet-Empfänger etc. gelten ihm lediglich als Begehrlichkeiten der Behörden, die seinen Mitgliedsfirmen das Wachstum von 3,4 Prozent für 2005 nicht gönnen wollen.

Berchtholds Credo seit Jahren: „Soll sich der Staat doch um seine originären Angelegenheiten kümmern“. Damit meint er in diesem Jahr Bildungspolitik und wie immer schon, die finanzielle Unterstützung der Bitkom-Mitglieder mit lukrativen Staatsaufträgen. Konkret soll die Regierung Großprojekte wie die Gesundheitskarte oder den biometrischen Personalausweis vorantreiben, weil sie, so Berchthold bedauernd, „ohne öffentliche Hand nun einmal nicht laufen“. Außerdem wiederholte er die Bitkom-Forderung, Innovation ähnlich wie den Umweltschutz als Staatsziel im Grundgesetz zu verankern. Ein Schuft, wem dabei sofort die Bitkom-Clientel einfällt

Gemischte Gefühle

Der auffälligste Trend war definitiv die Konvergenz von Unterhaltungselektronik und IT, die sich vor allem auf zwei Feldern zeigte: Handys und digitale Wohnzimmer. In Halle 3 war es so laut, dass Sony bei Präsentationen schlauerweise Kopfhörer an die Teilnehmern verteilte. Orientiert man sich an den CeBIT-Ständen, dann werden unsere Wohnzimmer bald von riesigen TV-Geräten im Edelstahl-Design dominiert. Gemütlichkeit kommt da kaum auf, abgesehen davon, dass die wenigsten Drei-Zimmer-Wohnungen für solche auf Gruppen-Erlebnisse ausgerichteten High-Tech-Landschaften ausgelegt sind. Von den Kosten für einfache Lohnempfänger ganz schweigen.

Was die Handys betrifft, so wollen die Redakteure der VDI-Nachrichten 110 neue Geräte entdeckt haben. Vermutlich zählen sie dabei auch die rund 40 Geräte mit, die vor einem Monat in Cannes auf der 3GSM vorgestellt wurden. Die Zahl relativiert sich auch, wenn man bedenkt dass einige der Modelle nicht für den hiesigen Markt gedacht sind. Insbesondere teure UMTS-Geräte sind in Asien, speziell Japan besser abzusetzen als hier zu Lande. Hinzu kommt, dass die Modellvielfalt sich auch durch die Aufspaltung des Marktes ergibt. So werden den Konsumenten  wahlweise preiswerter, schicke aber funktionsarme Geräte (z. B. Sagem) angeboten, aber auch breitbandige High-Tech-Spielzeuge mit Kameras, Musik-Download, Fernsehprogrammen und mehr.

Geschäftsleute ködert die Branche nicht mit teurer Breitband-Technik, sondern mit Business-Handys ohne Kamera aber dafür mit E-Mail- und Office-Funktionen, vor allem aber mit den trendigen E-Mail-Blackberrys von RIM. PDA-Anbieter Palm hält mit dem Treo 650 und Partner-Geräten etwas von Hagenuk dagegen. Aber auch so ein Gerät kostet ganz ohne UMTS rund 800 Euro. Zudem wollen die Mobilfunker (Ausnahme Vodafone) Schritt für Schritt die Gerätesubvention abbauen. Und UMTS-Dienste sind teuer. Unternehmen werden kaum einsteigen, wenn es auch anders geht und die meisten Eltern dem Musik-Download ihrer Kids klare Grenzen setzen.

Das Angebot für Digital Lifestyle war auf der CeBIT durchaus faszinierend, die Verlockung groß. In vielen auch europäischen Ländern sind die Rahmenbedingungen für einen Erfolg gar nicht so schlecht. Ob sich jedoch in einem Land mit über 5 Millionen Arbeitslosen ausreichend Käufer für die Geräte finden, bleibt fraglich.

Big Blues  Lichtschwerter in Halle 4

Aus ganz anderen Gründen stellen sich bei der Automatisierung der Rechenzentren gemischte Gefühle ein. Big Blue machte in Hannover nicht mehr viel Rummel um seine On Demand Computing genannte RZ-Optimierung, und tritt mit Visualisierungs- konzepten für Server und Speicher deutlich leiser auf. Derweilen streikten in Hannover die vom beschlossenen Stellenabbau im Diensleistungsbereich betroffen IBM-Mitarbeiter.

Hewlett-Packard, eigentlich nur als Gast auf dem CeBIT-Stand der SAP in Halle 4 vertreten, sorgte mit einer pragmatischen Cluster-Lösung für die ERP-Software der Walldorfer für Aufsehen. Das ambitionierte Utility Data Center (UDC) musste dagegen schon vor Monaten abgekündigt werden, weil es den Kunden zu teuer war. Nun bäckt das Unternehmen offensichtlich kleinere Brötchen und nähert sich dem Kurs an, den Fujitsu Siemens unter den Bezeichnungen Dynamic Data Center, Triole oder manchmal auch hochtrabend Grid fährt. Die Münchner stellen eine ganze Palette entsprechender Produkte aus.

Mitbewerber Sun dagegen beeindruckt das Publikum mit einer Vision von Grid-Dienstleistungs-Rechenzentren, die Rechenleistung und Speicher zu Billigpreisen anbieten. Am verblüffendsten ist vielleicht die Person, die den Blick in die Wahrsagerkugel wagt. Robert Youngjohns ist nicht nur Executive Vice-President Strategic Development, sondern auch für die Finanzen zuständig. Er sieht hier einen völlig neuen Dienstleisungsmarkt entstehen. Man wünscht ihm, dass er Recht hat, fürchtet aber gleichzeitig, dass Sun diese Morgendämmerung nicht erlebt, weil entweder das Geld für die enormen Entwicklungskosten ausgeht oder sich niemand auf ein Konzept einlassen will, dass so ausschließlich von den Techniken eines Anbieters abhängt.

Ist es eine gute oder schlechte Nachricht, dass das Outsourcing-Geschäft der vergangenen Jahre an Fahrt verliert? Dass dem so ist, haben nicht nur die Münchner Unternehmensberater von Droege und Company herausgefunden, sondern auch die Aussteller in der neuen Outsourcing Halle 8. Die vielen asiatischen und mittel- bis osteuropäsichen Anbieter bekamen zumindest an den ersten beiden Messetagen nur wenig Besuch. Dabei war Outsourcing (inklusive Offshoring) noch Ende 2004 vom Branchenverband Bitkom zur „dritten Revolution der Wertschöpfung“ nach Taylorismus und Lean Management hochstilisiert worden. Die CeBIT Besucher haben „Outsourcing als Chance für den Standort Deutschland“, so ein weiterer Bitkom-Slogan, offensichtlich ungenutzt vorüberziehen lassen.

Zu den positiven Erlebnissen gehörte, wie viele Hersteller sich ernsthaft um den Mittelstand bemüht haben. Wahllos herausgegriffen sei hier der Speicherspezialist EMC mit seinen „Express Solutions“. ERP-Anbieter CIS hat für seine moderne Semiramis-Software in IBM einen starken Partner gefunden und Microsoft hat sein Projekt einer selbst gestrickten ERP-Software (Projekt Green) aufgegeben und damit vermutlich vor allem seine Navision- und Axapta-Kunden beruhigt.

Spannend war auch wahrzunehmen, wie O2 seine Zielgruppen durch Kooperationen erweitern, ohne sein jugendlich-modernen Image zu beschädigen. Nach der Kooperation mit Tchibo (konservative, ältere Käufer) hat sich der Mobilfunkanbieter auf der CeBIT mit dem deutschen Ableger der ehemaligen Konzernmutter British Telecom zusammengetan, um an die Geschäftskunden heranzukommen. Und gab es in Hannover nicht auch noch das explodierende Angebot für Voice over IP und interessante Ansätze zur Neubelebung des Bildtelefons und, und, und noch vieles mehr. Kurz, es war eine spannende Messe, ein nahezu unüberschaubarer Markt der Ideen. Es wird sich zeigen, welche davon ihren Markt finden. So soll eine Messe sein.

März 2005 für ZDNet