CeBIT 04: Absatz statt Innovationen

Vorberichterstattung


„Innovation ist letztendlich, wenn Markt und Kunde Hurra schreien", brachte Willi Berchthold, Präsident des Branchen-Verbands Bitkom, die Stimmung der Branche auf den Punkt. In diesem Sinne wird es auf der CeBIT kaum um technische Neuerungen gehen, sondern darum, neue Zielgruppen für Bewährtes aufzutun. Das Hauptaugenmerk vieler Firmen gilt dabei in diesem Jahr dem so genannten Dual Use: Techniken für Arbeit und Privatleben, für stationäre und mobile Nutzung. Es lockt der Massenmarkt.

Das Messe-Konzept

Smartphones mit MP3-Player und Fotofunktionen, Flachbildschirme zum Arbeiten und Fernsehen sowie Spielekonsolen wird es zu Hauf in Hannover zu sehen geben. Insofern treibt das Dual-Use-Konzept die CeBIT in Richtung Consumer-Messe. Es bleiben jedoch noch genug Geschäftsthemen, von denen sich die meisten schon in den vergangenen Jahren herauskristallisierten. So setzt sich der Trend fort, dass die Anwender jede Investitionsentscheidung mit geschäftlichem Nutzen begründen müssen. Insofern werden sich die Besucher auch in diesem Jahr für kostensparende IT-Integration erwärmen, für das Poolen von Speicherplatz und für Konzepte, die helfen, Fixkosten in variable Kosten zu verwandeln. Dafür bieten insbesondere die Dienstleister Outsourcing, On-Demand-Computing und Utility-Konzepte an.

Um die geschäftlichen Möglichkeiten von Technik vor Augen zu führen, bauen eine Reihe von Anbietern so genannte Show-Cases auf. Als exemplarisch kann das Konzept des Fujitsu-Siemens-Stands (Halle 1, 5e2 und 4h4) gelten. Das Unternehmen konzentriert sich auf Einbindung mobiler Lösungen in die Unternehmens-DV. Vorgeführt werden getestete und verkaufsreife Lösungen für den Zugriff von mobilen Geräten und Thin Clients auf Daten im Rechenzentrum, auf SAP- oder E-Mail-Servern.

Ein ähnliches Konzept verfolgt die IBM, die ihr Know-how jedoch etwas konventioneller anhand geglückter Kundenprojekte etwa bei der Metro (RFID), BMW (Fertigung) oder den Bregenzer Festpielen (Online-Tickets) demonstriert. Etwas gegen den Trend steht bei Big Blue neben Branchen-Know-how und Integration-Lösungen die Technologie-Expertise im Vordergrund. Schließlich möchte der Konzern demonstrieren, wie weit das im vergangenen Jahr vorgestellte On-Demand-Konzept fortgeschritten ist.

Ein für die CeBIT schwieriger Trend besteht darin, dass immer mehr große Anbieter fernbleiben, weil ihnen Haus- und Spezialmessen attraktiver erscheinen. Schon seit Jahren fehlen Branchengrößen wie Oracle, Computer Associates, Apple und Dell. In diesem Jahr hat nun auch Hewlett-Packard seinen Stammplatz in Halle 1 verzichtet.

Zukunftstechniken

Dennoch gehört das On-Demand-Computing als Rechenzentrumstechnologie eher zu den Themen über die in Hannover viel diskutiert werden wird, aber vergleichbar wenig zu sehen sein wird. Wie bei den Konkurrenten Sun (N1) oder HP (Utilty Data Center) befinden sich Konzepte wie Autonomic Computing, freie Ressourcenzuordnung und selbstheilende Systeme noch in einem recht embryonalen Zustand.

Weit fortgeschrittener ist dagegen die Radio Frequency Idenfication (RFID). Die Branche ist sich einig, dass die Funkchips nicht nur das Zeug dazu haben, die Strichcodes abzulösen, sondern darüber hinaus Warenlogistik und Marketing revolutionieren könnten. Doch vorläufig warten noch alle Interessenten wie die Pilotprojekte bei Metro, Wal-Mart und anderen ausgehen. Dennoch werden zum Beispiel IBM und Sun auf der Messe ihre Kompetenz in diesem Bereich betonen. Daher geht es weniger darum, Kunden zu gewinnen, als Innovationsfähigkeit zu zeigen. Aus demselben Grund sind bei beiden Unternehmen Grid-Techniken zu bewundern. Dabei hat Innovation bei Sun eine ganz andere Bedeutung als bei IBM. Während sie bei Big Blue vor allem das Rund-um-Know-how des größten IT-Konzerns der Welt unterstreicht, versucht sich Sun auf diese Marktnische zu konzentrieren. Der wirtschaftlich gebeutelte Spezialist für Unix-Hardware versucht sich durch Hochtechnologie als Lieferant für IT-Dienstleister zu positionieren. Dieses Konzept von Firmenchef Scott McNealy gilt in Zeiten der zugenähten Geldbeutel als ausgesprochen teuer und riskant.

Seit Jahren angekündigt und immer noch nicht zu sehen ist die dritte Mobilfunkgeneration, kurz: UMTS. Zwar sind inzwischen die Infrastrukturen zu zwei Drittel aufgebaut und offiziell haben T-Mobile (Halle 26, A01) und Vodafone (Freigelände, G04) auch schon den Startschuss gegeben. Symptomatisch ist allerdings, dass die Telekom-Tochter ohne Endgeräte antreten musste, während der Konkurrent sich auf eine PC-Karte für Notebooks konzentriert, anstatt auf die schicken Multimedia-Handys, mit denen früher immer für UMTS geworben wurde. Es fehlt nicht nur an Geräten, sondern vor allem an einer so genannten „Killerapplikation“, die für Akzeptanz bei den Anwendern sorgt. Von den einst gepriesenen „lokalised Services“, Informationen über die Pizzarien-Auswahl und das Kinoprogramm um die Ecke, wagt niemand mehr zu sprechen. Stattdessen versucht die Branche die Breitbandnutzung mit konventionellen Handys zu stimulieren, indem sie die Kunden an den Download von MP3-Musikdateien oder das Versenden von Fotos gewöhnt. Bislang jedoch ist ein durchschlagende Erfolg ausgeblieben, der die Einführung von UMTS geschäftlich rechtfertigen könnte. Insofern ist es nur konsequent, wenn Vodafone die Breitbandverbindung als Internet-Alternative zu ISDN und DSL positioniert.

Dennoch fehlt es auf der CeBIT keineswegs an Trends: Drahtlose Vernetzung, Outsourcing, Business Intelligence,  Security, Utility-Computing, Notebook-Boom, Speichernetze, On-Demand-Computing, Information Life Cycle Management, Integration, Smartphones … Welcher dieser an sich aussichtsreichen Trends wird angesichts der verhaltenen Umsatzprognosen scheitern? Um dieser bangen Frage auszuweichen, fahren viele Anbieter in Hannover eine Strategie der Risikominimierung. Statt sich auf technische Innovation einzulassen, wird versucht, „bewährte“ Produkte für neue Zielgruppen attraktiv zu machen. Im Blick haben Aussteller dabei wie im vergangenen Jahr den Mittelstand, aber auch die Konsumenten. In diesem Sinn kündigt QTechnology (Halle 24, A05) etwas plump „Schaltnetzteile mit Lüfter in neuen Trendfarben“ an. Mittelständler werden in diesem Jahr mit betriebswirtschaftlichen Funktionen gelockt, mit denen in den vergangenen Jahren die Großunternehmen ausgestattet wurden. Zu den Rennern dürfte hier Microsofts Software für Customer Relationship Management gehören (Halle 4, A38). Auch der Trend zur Optimierung der Speichersysteme wird in diesem Jahr auf diese Zielgruppe übertragen.

Dual Use: Bildschirme, Mobile Geräte

Die ungewöhnlichste Neuerung der CeBIT ist jedoch die unter dem Schlagwort Dual Use firmierende Herstellerstrategie zur Ausweitung von Zielgruppen. Gemeint sind damit zum Beispiel Notebooks mit Videoausstattung, die geschäftlich als Konferenzsystem zu gebrauchen sind, privat aber als Spielmaschinen dienen, oder auch Smartphones, deren Multimediafunktionen mal eine Chefanweisung mit Business-Chart übertragen, mal mit MP3-Sounds eine Dienstreise versüßen. Dual Use kommt den Herstellern auf mehrfache Weise entgegen. Es unterstützt ihre Innovationsscheu, denn keine der angebotenen Techniken ist neu. Misslingt die Markteinführung eines Produkts, dann hat man wenigstens nicht teures Geld für riskante Neuentwicklungen verloren. Im Falle eines Erfolgs lockt dagegen neben dem begrenzten Geschäft mit den Unternehmen Massenabsatz im Consumer-Markt. Vor allem aber dienen die gestylten Geräte als Trojanische Pferde. Die Käufer sollen die meist mobilen Systeme (MP3-Player, Smartphone, Notebooks mit Wireless-Ausstattung etc.) bei ihren Arbeitgebern einschleusen. Einige Funktionen wie etwa der Download von Musik, das Versenden von Bildern oder Videoconferencing dienen zudem dazu, den Bedarf für hohe Bandbreiten zu schaffen. Ohne Datenverkehr wüssten die Provider nicht, woran sie bei UMTS verdienen sollen – selbst wenn endlich Geräte auf den Markt kommen sollten.

Eine besonders auffällige Ausprägung von Dual Use besteht darin, dass die Entwicklungen eines der bislang letzten PC-Trends, nämlich Flachbildschirme, in den Unterhaltungsmarkt zu münden scheinen. HP und Dell (beide nicht auf der CeBIT) haben Flachbildschirme zum Fernsehen angekündigt und damit Anbieter von Consumer-Elektronik ermutigt, ihre Produkte auf einer Messe zu zeigen, die sich eigentlich als Fachmesse für professionelle Computeranwender versteht. Zu sehen sind unter anderem digitale TV-Technik, Fernseher mit Festplatte, Plasma- und LCD-Geräte von Philips(Halle 21, B02), Panasonic (Halle 1, 6C2), Hitachi (Halle 1, 3k1), Hyundai (Halle 21, Stand B 29) Sharp Electronics (Halle 1, 7A2), digitale Fernsehtechnik von Sagem (Halle 26, E32) oder Iiyama (Halle 25, 302). Für Laien verblüffend hat sich jedoch auch Chip-Riese Intel (Halle 2, A46) auf dieses Geschäftsfeld begeben. Zwar produziert das Unternehmen keine eigenen Fernseher, aber die Chips dafür. Besonders stolz geben sich Firmensprecher bezüglich einer Bildschirmtechnik mit der Bezeichnung Liquid Crystal on Silicon (LCOS). Dabei handelt es sich um winzige Displays, von denen sich das Bild in hoher Qualität auf Großbildschirme projizieren lässt.

Am Beispiel Intel wird der Zusammenhang mit der Computerei klar. Es geht zum einen um die Digitalisierung des Fernsehens, wie es in den vergangenen Jahren um digitale Foto- und Videokameras ging. Dual Use heißt hier, die gesamte Unterhaltungsindustrie mit PC-Technik zu überziehen, sich dort einen Massenmarkt zu erschließen – mit „Intel inside“. Eine zentrale Rolle könnte dabei der von Intel entwickelte Entertainment-PC spielen, der auf der CeBIT im Standbereich „Digital Home“ gezeigt wird. In ihm vereinigen sich Funktionen von Fernseher Videorekorder, Stereoanlage und Spielekonsole. Gesteuert wird das Multifunktionsgerät über eine einzige Fernbedienung. Vorangetrieben wird das neue Geschäftsmodell durch 200 Millionen Dollar, die Intel in Unternehmen investiert, die Hard- und Softwaretechnik für das angestrebte Digital Home entwickeln. Unterstützung kommt dabei von der Digital Home Working Group, der neben Intel auch Microsoft, Fujistu, Gateway, HP, IBM, Kenwood, Panasonic, NEC, Nokia, Philips, Samsung, Sharp, Sony, Thomson und andere angehören. Die Gruppe hat sich vorgenommen, offene Standards für digitale Geräte und die Übertragung von Inhalten (mit und ohne Kabel) zu schaffen. Das Spektrum reicht vom PC und Drucker über Fernsehgeräte und Settop-Boxen bis zu Stereoanlagen, Handys, PDAs, DVD-Player, Beamern und mehr. Rund um diese Initiative schießen derzeit Unternehmen und Lösungen von der Chip-Entwicklung bis zum Fernsehempfang via USB-Box aus dem Boden, von denen bereits einige auf der CeBIT zu sehen sind. Sofern es Innovation in der IT-Branche gibt, scheint sie sich dem Massengeschäft mit den Konsumenten zu widmen.

Ein Paradebeispiel für die Verbindung von privater und beruflicher Technik-Nutzung à la Dual Use zeigt sich in der Verschmelung von PDAs und Handys zu Smartphones, wie sie sich bereits auf der letztjährigen CeBIT andeutete. Allerdings hatte damals noch PDA-Marktführer Palm (Halle 2, B36) dagegen gehalten, dass der Markt dafür zu klein sei. Seit die Übernahme des Mitbewerbers Handspring jedoch die telefonierfähigen Treo-Modelle ins Sortiment gespült hat, ist diese Argumentation vergessen. In Hannover präsentiert der inzwischen unter Palm One firmierende Handeld-Hersteller stolz den „Treo 600“ als erstes deutsche Smartphone des Unternehmens. Die Geräte der „Tungsten-E“-Serie  dagegen werden als preiswerte Alternative zu den meist über 1000 Euro teuren Verkehrsleitsystemen positioniert. Sie werden bereits ab 399 Euro mit Zugang zum Global Positioning System (GPS) und Navigationssystem ausgeliefert.

Konkurrenz kommt vor allem aus dem Mobilfunklager, das sich in Halle 26 versammelt hat. Smartphones gibt es auf den Ständen von Motorola (E40), Panasonic Mobile (D60), Sony-Ericsson (D32), T-Mobile (A01). Bei den Betriebssystemen konkurrieren Epoc von Symbian, PalmOS und Microsofts Pocket PC. Funktional geht es nicht nur um die für Geschäftsleute sinnvolle Verschmelzung von Telefon, Adressverzeichnis, Terminplaner und E-Mail. Die Geräte verfügen wie etwa der edel gestaltete P900 von Sony-Ericsson darüber hinaus über Fotoapparat und MP3-Sound. Damit werden sie zu Lifestyle-Produkten, die privat gekauft und beruflich genutzt werden. Auf diese Weise finden sie ihren Weg zurück in die knausrigen Unternehmen, die sich dann damit rumschlagen müssen, wie verhindert werden kann, dass die neuen Geräte nicht zum unerlaubten Mitschneiden von Gesprächen oder zum Fotografieren vertraulicher Dokumente genutzt werden. Dabei ist es aufgrund der extrem kurzen Produktzyklen schon schwierig genug, die erlaubten Funktionen in die IT-Strategien einzubinden. Wer darf welche Daten synchronisieren, wie bekommt man die Außendienst-Daten in das ERP-System etc. Welche Protokolle sollen unterstützt werden und wie verhindert man das Einschleusen von Viren oder die Gefahr des Abhörens bei drahtlosem Datenverkehr?

Insofern wird die Integration von drahtlosen Geräten zu einem zentralen CeBIT-Thema werden. Dabei gibt es mehrere Stufen, die bei der Synchronisation von Terminkalender und E-Mail (meist Outlook oder Lotus Notes) beginnen. Darauf sind zum Beispiel Firmen wie Intellisync (Halle 3,58), ehemals Pumatech und Extended Systems spezialisiert. Letztgenannter ist zwar nicht selbst auf der CeBIT, gehört aber zur Integrationslösung, die Fujitsu Siemens auf seinem Stand (Halle 1, 5e2) unter dem Schlagwort „Managed Mobility“ präsentiert. In einem weiteren Schritt geht es um die Integration mit Unternehmens-Anwenungen wie denen der SAP. Hier sind auf Middelware-Ebene eine Reihe von bekannten Firmen wie etwa Datenbanker Sybase tätig, ohne direkt auf der CeBIT zu erscheinen. Neben der Middleware geht es aber auch um die Umsetzung der Unternehmens-Anwendungen für die handlichen aber speicherarmen Geräte und ihre winzigen Dispays. Lösungen sind auf dem Stand der SAP (Halle 4, D12) zu sehen, darunter eine von Psion Teklogix (Halle 17, C60), ein Hersteller, der sich anders als Palm oder die Handy-Anbieter auf den betrieblichen Einsatz von Handheld-Geräten spezialisiert hat. Hier finden Unternehmen Lösungen für Flotten-Management oder Lagerlogistik. Die Entwicklung solcher Lösungen ist derzeit ein lukratives Projektgeschäft bei dem sich Psion auf Partner stützt, während etwa Sybase und Extended Systems diese Aufgabe gern selbst übernehmen.


Mittelstand: Linux und ERP

Stärker als viele andere Aussteller widmen sich Fujitsu-Siemens und IBM den Bedürfnissen der Großunternehmen, ihrer Kernklientel. Ansonsten stehen auf der CeBIT eher Lösungen für mittelständische Unternehmen im Vordergrund. Sie waren es, die der Branche im vergangenen Jahr wenigstens ein kleines Umsatzplus beschert haben. Von der Messegesellschaft werden sie mit einer eigenen Webseite (www.cebit.de/mittelstand) umworben, auf der sich Aussteller unter anderem zu Themen wie Geschäftsprozesse, Kundenmanagement, Flexibilisierung, Logistik oder Telekommunikation präsentieren. Von der Herbstmesse Systems haben sich die Hannoveraner branchenspezifische Führungen abgeschaut. Das Konzept war in München so erfolgreich, dass einige Firmen es in Eigenregie umsetzten. So veranstaltet die auf das Finden betriebswirtschaftlicher Anwendungen spezialisierte Trovarit GmbH (Halle 5, A46) für Interessenten unterschiedlicher Branchen Rundgänge zu Ständen mit entsprechenden Lösungen.

Schließlich werden die im vergangenen Jahr eingeführten Fokustage für den Mittelstand von der Messegesellschaft und dem Branchenverband Bitkom zum Mittelstandsforum ausgebaut. Halle 6 soll zur Anlaufstelle für die Unternehmen werden, die der Branche im Krisenjahr 2003 einen bescheidenen Umsatzzuwachs beschert haben. Vor allem befindet sich hier der für diese Kundenschicht wichtige Linux-Park, der allerdings von 42 Ausstellern im vergangenen Jahr auf 24 geschrumpft ist. Suse ist zu seiner neuen Konzernmutter Novell in Halle 1 umgezogen. In dieser traditionellen Infrastrukturhalle zeigen auch Sun Microsystems (Halle1, 8a1 und 8a2) und IBM (Halle 1, 4G2/5D2) ihre Linux-Angebote. Dabei unterstützt Sun den von Suse bereits im vergangenen Jahr eingeschlagenen Desktop-Kurs mit dem Java Desktop System, das mit Linux-Betriebssystem, einer kompletten Office-Suite, E-Mail-Kalenderanwendungen, Web-Browser sowie Gnome-Benutzeroberfläche als Alternative zu Microsofts PC-Umgebungen positioniert wird.

Auch Linux-Spezialist Red Hat sich inzwischen durchgerungen, ernsthaft in Desktop-Linux zu investieren. Generell konzentriert sich das Unternehmen jedoch weiter auf Features für Unternehmenskunden, wie etwa Speicher-Management. Aber auch Embedded-Lösungen kommen immer stärker ins Blickfeld. Auf der CeBIT werden hier erste konkrete Projekte vorgestellt.

Ansonsten wird sich die Open-Source Gemeinde in Hannover wie im vergangenen Jahr über die Lizenzansprüche der SCO Group ereifern und darüber diskutieren, wie offen Distributor Suse unter Novell-Regie bleiben wird.

Abgesehen vom Linuxpark biete die Halle 6 den Mittelständlern eine Kontaktbörse mit Herstellern sowie ein breites Vortragsprogramm. Die meisten ihrer Lieferanten finden sie jedoch, wie gewohnt, in Halle 4. Allein die IBM hat dort über 50 Partnerunternehmen versammelt. Hier startet zudem Microsoft (Halle 4, A38) die wohl bedeutendste Initiative für dieses Marktsegment. Erst vor kurzem hat das Unternehmen seine Software für Customer Relationship Management (CRM) vorgestellt und nun auch noch eine Preisoffensive für das betriebswirtschaftliche Softwarepaket Navision gestartet, das künftig für unter 2000 Euro pro Arbeitsplatz zu kaufen ist. Schon zuvor hatte das Unternehmen aus Redmond ERP-Kunden mit günstigen Krediten angelockt. Wichtiger ist jedoch, dass Microsoft sein Partnerkonzept intensiv ausbaut. Dank Navison hat das Unternehmen längst eine Fuß in der Tür des ausgedehnten Händlernetzes. Die Übernahme des dänischen ERP-Anbieter durch Microsoft gibt den Händlern, die langersehnte Gewissheit zukunftssichere Produkte vermarkten zu können. Zudem sind sie längst so weit mit Microsoft-Tecniken vertraut dass es ihnen nicht schwer fällt lukrative Branchenerweiterungen in die Standardprodukte einzubauen. Ob Mitbewerber wie die Exact Gruppe (Halle 5, E38) oder Sage KHK (Halle 5, F18) Paroli bieten können ist fraglich, auch wenn die Letztgenannten in Hannover mit der Version 6.1der CRM-Software „SalesLogix“ anreten. Exact demonstriert vor allem die Umsetzung von Personal-Management und CRM mit Hilfe des Unternehmensportals e-Synergy und der ERP-Software Exact-Pro.

Auch wenn man Microsoft zu Recht vorwerfen mag, die Komplexität in mittelständischen Unternehmen zu unterschätzen, so stoßen die Produkte des Softwareriesen doch langsam in Bereiche vor, in denen sie dem Mittelstandsangebot von Platzhirsch SAP gefährlich werden. Insofern könnte es in Halle 4 zu einem kleinen Showdown kommen, wenn die Walldorfer mit  ihrem Business-One-Angebot am Stand D28 auf die Microsoft-Herausforderung reagieren. Angesichts einer zunehmenden Marktsättigung bei den Großkunden, versucht SAP schon seit Jahren seinen Kundenkreis über den gehoben Mittelstand hinaus auf breitere Kundenschichten auszuweiten. Mehr Platz als dem Mittelstand räumen die Walldorfer mit den Ständen D12, G37/38 und G47/48 allerdings der Integrationsplattform „Netweaver“ und der Enterprise-Lösung „Mysap ERP ein.

Security: Speicher und Spam

Sicherheit gehört zu den seit Jahren propagierten Trends. Tatsächlich sind die Meldungen dazu eher widersprüchlich. Zum einen boomen die Umsätze für Firewalls und Antiviren-Software, zum anderen beklagen Analysten, dass insbesondere die mittelständischen Anwender die Tools nicht oder nicht richtig einstellen. Die Produkte gehören oft schon zum Lieferumfang von Laptop, Betriebssystem oder Anwendung und werden beim Kunden daher kaum wahrgenommen. Deshalb versucht Symantec (Halle 6, F20), wie im vergangenen Jahr, das Thema Sicherheits-Management zu propagieren. Die Marktbeobachter klagen zudem immer noch, dass Sicherheitsmaßnahmen oft erst ergriffen werden, nachdem es zu einem Schaden gekommen ist. Hier dürfte sich in diesem Jahr einiges ändern. Der Grund dafür liegt weniger in immer raffinierteren Viren- und Hackerattacken, sondern eher darin, dass die Masse an lästigen Spam-Mails nicht mehr zu ignorieren ist. Es wird immer schwieriger sie auszufiltern. Auch das US-amerikanische Anti-Spam-Gesetz hat nach ersten Erfahrungen wenig gebracht. Firmen die hier Abhilfe versprechen, dürften in Hannover umlagert sein. Zu ihnen gehören die russischen Kaspersky Labs (Halle 6, H1), die auf linguistische Analyse setzen sowie Surfcontrol (auf dem Stand von Fujitsu-Siemens Halle 1, 4H4) mit seinen weit verbreiteten Filtermethoden. Immer mehr Unternehmen versuchen wie die Internet Security Systems (Halle 6, F02), der Plage – wie auch den Viren- und Hackerangriffen – mit Spezialhardware Herr zu werden. Wie verzweifelt die Lage ist, zeigt der Vorschlag von Microsoft-Gründer Bill Gates, Gebühren auf das Verschicken von E-Mails zu erheben. Leider ist völlig unklar, wie ein solches Verfahren abrechnungstechnisch zu bewältigen wäre. End-zu-End-Lösungen unter Beteiligung von Computer Associates (ohne eigenen Stand) und Vasco (Halle 17, D36) wird es unter anderem auf dem Novell-Stand (Halle 1, 4f4) geben.

Aktives Interesse an Sicherheitslösungen rührt aber vor allem von den Veränderungen in der IT-Infrastruktur her, die viele Unternehmen eingeleitet haben. Der Trend der vergangenen Jahre zur Zusammenlegung von IT-Ressourcen auf möglichst wenige Server oder Speicherschränke hat zu so genannten „Single-points of Failures“ geführt – insbesondere bei Unternehmen, die sich nicht wie Banken und Versicherungen Backup-Rechenzentren für Desaster Recovery leisten können. Hacker-Angriffe, Stromausfälle oder Brand legen heute nicht mehr nur eine Abteilung lahm, sondern potenziell das ganze Unternehmen. Die Industrie hält unter dem Begriff „Business Continuity“ seit Jahren Strategien zur Vermeidung solcher Katastrophenfälle bereit, die allerdings nur auf mäßiges Interesse stoßen. Besser ziehen die alten Begriffe wie Desaster-Recovery. Obwohl es sich im Wesentlichen um ein organisatorisches Problem handelt, haben sich neben der IBM vor allem die Speicherspezialisten dieses Sicherheitsthemas angenommen. CNT (Halle 1, 7i3) hat es zu seinem zentralen Messethema erhoben. Weitere Lösungen zeigen Veritas (Halle 3, C33), Brainware Solutions (Halle 3, A43), um nur einige Anbieter zu nennen.

Mitbewerber EMC (Halle1, 7f2), der noch im Sommer 2003 gemeinsam mit Dell und British Telekom eine Business-Continuity-Kampagne begann, hat sich eines Besseren besonnen und  setzt in Hannover lieber auf den Speicherhype des Jahres: Information Life Cycle Management (ILM). Der schwammige Begriff ist leicht mit dem ebenso vagen Begriff Product Life Cycle Management zu verwechseln, der Fertigungstechniken umschreibt. Mit ILM dagegen ist die Steuerung der Speicherprozesse vom Hauptspeicher über Dokumenten-Management gemeint bis hin zum Löschen oder Archivieren von Daten. Selbst große Unternehmen wie EMC oder IBM sind nicht in der Lage hier durchgängige Lösungen zu bieten, so dass sie Know-how hinzukaufen müssen, im Fall von EMC war das der Content-Management-Anbieter Documentum, Mitbewerber Hitachi Data Systems (Halle 1,3k1) tat sich daraufhin mit dem Dokumenten-Management-Haus Opentext zusammen, der wiederum und den Archiv- und R/3-Spezialisten Ixos kaufte. Auf der CeBIT wird sich zeigen, ob die Anwender bereits an dem Punkt angelangt sind, an dem es ihnen nicht mehr nur um den Aufbau von Speichernetzen geht, sondern bereits um das Verwalten von Daten nach inhaltlichen Kriterien. Die IBM (Halle 1, 4G2/5D2) zumindest scheint davon noch nicht so recht überzeugt zu sein und widmet sich daher der Virtualisierung von Speichersystemen. Gezeigt wird die Zentralisierung des Managements der Volumes, der Dateisysteme und der Geräte.


Februar 2004 für ZDNet.de