Hightech und Lösungsszenarien

Technik-Trends auf der CeBIT 2005

Funketiketten, Seamless Roaming, Virtualisierung und digital Lifestyle. Schlagwörter gibt es in diesem Jahr mehr als genug. Viele Hersteller wagen nach den schwierigen Jahren wieder Technologieexperimente. Insgesamt gehen sie jedoch mit mit dem Mittelstand als Hauptzielgruppe und dem acht Hallen überspannenden Motto Business Processses auf Nummer sicher.

Die CeBIT will eine Veranstaltung für Geschäftsleute sein. Technik gilt als kaum mehr vermarktbar. Daher wurden kurzerhand Halle 1 bis 8 der Optimierung von Geschäftsprozessen gewidmet und – wie 2004 – die Bedürfnisse mittelständischer Anwender in den Mittelpunkt gerückt. Hier vermutet die Branche zu Recht Nachholbedarf und hofft auf prall gefüllte Geldbeutel. Neugierde auf alle Fälle ist da. So waren rund 330 000 Mittelständler unter den knapp eine halbe Million Besuchern des vergangenen Jahres.


CeBIT-Entwicklung

Zahl der Aussteller:
Gesamt: 6115 (+ 6)
Business Processes: 2538 (- 9)
Digital Equipment and Systems: 1608 (+13)
Communications: 1188 (-16)
Banken, Future Parc, Public Sector: 781 (+18)


Die Dreiteilung der Messe in Business Processes, Communications sowie Digital Equipment and Periphery ist etwas grob gestrickt. So verbergen sich hinter den Business Processes so unterschiedliche Bereiche wie Speichersysteme und Dokumenten Management (Halle 1), systemnahe Software und Business Intelligence (Halle 3), betriebswirtschaftliche Programme (Hallen 4 bis 6), Sicherheit (Halle 7). Darunter zählt auch die neue Outsourcing-Halle 8, die allerdings vor allem von Offshore-Anbietern belegt ist.

Lösungen statt Technik

Business Processes (Halle 1 bis 8): Bei Big Blue hält man die Vorgaben der Messe für vernünftig. Es passt in das On-Demand-Konzept Technik, hinter Lösungen zu verstecken. Entsprechend versucht das Unternehmen, sein Know-how anhand von Kundenreferenzen und Szenarien wie den Bankarbeitsplatz der Zukunft zu demonstrieren. Am Beispiel einer internationalen Produkteinführung wird der Websphere-Einsatz mit personalisierten Portalen, Grid-basierten Simulationsanwendungen, der Integration dezentraler Prozessleitsysteme und mehr vorgeführt.

Technik ist dennoch mehr als genug zu sehen. Der Konzern führt eine IP-Communications-Plattform vor und Linux-basierte Speicherlösungen. Ein wenig übertrieben ist es vielleicht, ein Antivieren-Programm als Grid-System zu bezeichnen, nur weil es sich – wie ein Bildschirmschoner – aktiviert, sobald der Rechner nicht genutzt wird.

Die Personal Computing Division zeigt einen nur vier Tennisbälle breiten Mini-PC und neue besonders sichere Notebooks, auch unter Suse-Linux. Die Neugierde der Standbesucher wird aber vermutlich den chinesischen Levono-Managern gelten, die extra zur Messe angereist sind. Unklar ist allerdings noch, ob die Käufer von IBMs PC-Sparte die Neugier der Besucher stillen dürfen. Die kommunistische Regierung befürchtet möglicherweise den Verrat von Staatsgeheimnissen, und Big Blue, möchte sicher nicht, dass ihre Partner ausplaudern, wann sie die Unternehmensführung vom den US-Managern übernehmen wollen.

In der Mittelstandshalle 4 überlasst die IBM das Feld vor allem den Partnern, während in Halle 9 die Lösungen für E-Government gezeigt werden.

ERP und Security:
langweilig, aber unerlässlich

SAP-Chef Henning Kagermann erklärt, dass Best-of-Breed out ist, weil man ja alle betriebswirtschaftliche Software aus seiner Hand kaufen könne.


Dass sich mit betriebswirtschaftlicher Software fast drei Hallen (4 bis 6) füllen lassen, zeigt, dass es bei aller Konzentration immer noch reichlich Anbieter gibt. Große Neuigkeiten sind von Softengine, SoftM, GUS, CIS, CAS, Infor, Microsoft, Sage, SAP und Co nicht zu erwarten. SAP-Vorstand Henning Kargermann darf die Messe eröffnen und umgarnt ansonsten in Halle 4 seine Kunden, damit diese endlich von R/3 auf mySAP ERP umsteigen. Außerdem wird er vermutlich häufig nach der Positionierung gegen Oracle gefragt, die nach der Übernahme von Peoplesoft und J.D. Edwards insbesondere in den USA zur Nummer eins geworden sind.
Ansonsten stehen Banchenlösungen im Vordergrund des Messeauftritts sowie das hauseigene System für Customer Relationship Management (CRM) und natürlich die Netweaver-Plattform.

Schließlich kümmert sich die SAP um ein Thema, dem sich ihre Kunden angesichts der Flut von Viren und Spam-Attacken widmen müssen. Die Walldorfer zertifizieren Sicherheitsprodukte und Anbieter. Die eigentlichen Sicherheitsspeziallisten wie Symantec, Utimaco, Secure Wave, Messagelabs, Sophos aber auch die Polizei Hannover warten in Halle 7 auf Besucher. Die erste Handy-Infektion in Russland nehmen die von dort stammenden Kaspersky Labs zum Anlass, mobile Viren in das Zentrum ihres Auftritts zu stellen. Den Gefahren der IP-Telefonie widmen sich neben den Experten der Halle 7 auch die Netzwerk-Kollegen Cisco und Nortel in Halle 13 sowie Netgear in Halle 15.

Spannender als die Suche nach Schutz des E-Mail-Systems gegen unerwünschte Post dürfte für viele Besucher sein, herauszufinden, was Symantec mit dem zugekauften Speicherspezialisten Veritas (Halle 3) vorhat. Gesprächspartner für Themen wie Backup sowie Desaster Recovery, aber zur Datenverfügbarkeit stehen auf dem Stand bereit.

Alle Wetter, Schnee, Sonnenschein und Regen – so war die CeBIT  auch in diesem Jahr.


Logistik-Revolution

Eindeutig als trendy gilt die Unterstützung von Funk-Chips. Die SAP unterstützt Radio Frequency Identification (RFID) mit ihrer ERP-Software. Middleware-Spezialist See Beyond (Halle 1) baut zusammen mit Partner Sun Microsystems Branchenlösungen. Psion (Halle 6) bindet seine Handheld-Geräte in RFID-gestützte Logistikketten ein. Teradata bietet seine gleichnamige Data-Warehouse-Technik zur Analyse der potenziell gewaltigen Datenmengen an, die entstehen, wenn die Funketiketten nicht nur – wie meist – für die Fertigungslogistik in Unternehmen, sondern tatsächlich auf jedes Produkt appliziert werden. Doch die Technik steht noch am Anfang. Generell sinken die Preise je Chip durch neue Fertigungsverfahren stetig, doch nicht jeder Chip ist für jede Umgebung geeignet. So müssen sich die Interessenten mit den für sie neuen Funkproblemen auseinander setzen. Dazu gehört die Frage, was geschieht, wenn sich das Funkverhalten ändert, weil die Chips in feuchte oder metallische Umgebungen geraten. Auch sind noch internationale Standards abzuklären, damit chinesische Häfen die Produkte in amerikanischen oder europäischen Containern erkennen. Diskutiert wird vom ITK-Branchenverband Bitkom als „Logistik- und Sicherheits-Revolution“ eingestufte Technik in Halle 6 unter der Überschrift „Automatic Data Capture“.

Infrastruktur: Virtualisierung

Virtualisierung von Betriebssystemen (IBM in der Mainframe-Welt, EMC-Tochter VMware für die x86-Systeme), von Rechenzentren (Sun, IBM) und von Speichersystemen (EMC, HDS, Network Appliance) sind absolut en vogue. In allen Fällen geht es darum, Ressourcen nicht mehr händisch zu verwalten, sondern das einem Controller, oder einer anderen Management-Software zu überlassen. Speichernetze und Rechenzentren werden so für die User zur Blackbox und für die Administratoren, zu Systemen innerhalb derer sich Ressourcen relativ einfach umschichten lassen.

Auch Speicherspezialist Hitachi Data Systems (Halle 1) bemüht sich unter dem Schlagwort „anwendungsoptimierte Speicher“ um das Zeigen von Lösungen anstatt reiner Technik. Konkret geht es dabei um Virtualisierung, Storage Area Mangement, Disaster Recovery und das immer wieder verschmähte Thema Businesss Continuity.

Mittelständische Unternehmen umwirbt das Unternehmen mit Demonstrationen, wie dem Aufbau eines Storage Area Networks (SAN), aber auch mit eigenen Produkten. So spart die Speicherplattform „Tagma Store“ durch sein Virtualisierungskonzept Speicher und durch sein einheitliches Management (auch von externen Systeme) zusätzlich Kosten. Mit der Software konkurriert das Unternehmen unter anderem gegen IBMs „SVC“ sowie gegen den „Storage Router“, der EMC (Halle 1) den Zugang in den Virutualisierungsmarkt verschaffen soll. Ansonsten legt EMC in Hannover das Hauptaugenmerk auf Information Life Cycle Managment. Auch der EMC-Stand wird von Partnern wie T-Systems, Fujitsu-Siemens oder Adiva bevölkert sein. Das Konzept der Präsentation von Lösungen statt Techniken zwingt die Hersteller zur Kooperation beim Messeauftritt. Als Spezialfall der Virtualisierung etabliert sich in Anlehnung an einen anderen Hype-Begriff gerade die Bezeichnung Storage Grid, wie etwa bei Network Appliance.

Digital Home

Digital Equipment and Periphery (Hallen 1 und 2, 19 bis 27): Nicht entziehen kann sich die CeBIT dem globalen Trend zur Verschmelzung der IT mit der Consumer-Elektronik. So baut Siemens seine Gigaset-Telefone zur Consumer-Marke aus, bei der es um WLAN-Router (SX541 WLAN dsl) ebenso geht wie um ein Dect-Modul zum schnurlosen Telefonieren via Internet (M34 USB) oder um die Settop-Box M740 AV, die nicht nur über die Antenne digitales Breitband-Fernsehen (DVB-T) empfängt, sondern sich zudem drahtlos oder per Kabel in das heimische PC-Netz einbinden lässt. Auf diese Weise ließe sich zum Beispiel die Rechnerfestplatte als digitaler Videorekorder benutzen.

Reizüberflutung anstatt Gemützlichkeit: das Digital Home in Halle 2

Auch Aussteller wie Microsoft und Intel (beide in Halle 2) wollen das Wohnzimmer zum Media-Center umbauen. Unter dem Motto „Modern Living“ erleben Microsoft-Besucher in einer 90 Quadratmeter großen Wohnung das technische Zusammenspiel von hauseigenen Komponenten wie Spielekonsole, Tablet-PC, Smartphone und Fernseh-Betriebssystem. Im Mittelpunkt steht die neue Microsoft Windows XP Media Center Edition 2005, mit der Anwender alle digitalen Medien per Fernbedienung vom Sofa aus nutzen. Auf dem Messestand findet sich neben einem in modernem Design gehaltenen Wohnzimmer auch ein trotz technischer Ausstattung, laut Microsoft, kindgerechtes Spielzimmer sowie ein kabelloses, funktionales und Platz sparendes Home Office. Aber auch unterwegs will Microsoft seine Kunden mit Navigations-Tools, Reiseführer, Info-Services, Musik und Spielen bei der Stange halten. Ein ganz ähnliches Szenario hat auch Chiplieferant Intel aufgebaut, um zu zeigen wie gut die hauseigenen Prozessoren den digitalen Lifestyle unterstützen.

Zukunftsmusik ist das vernetzte Heim vor allem, weil die Rollenverteilung der Player noch nicht geklärt ist. So läuft die Settop-Box von Microsoft-Partner Siemens unter Linux. Generell setzen die Spezialisten für Unterhaltungselektronik auf Lösungen, die ihren hohen Bedienungskomfort damit erkaufen, dass Fremdsysteme außen vor bleiben müssen. Derweilen stilisiert sich Microsoft mit seinem TV-Betriebssystem zum offenen Anbieter für alle Plattformen. Aber auch die einfachsten Lösungen sind noch nicht so ausgereift, dass man sich vorstellen kann, dass normal begabte Techniklaien ein solches Netzwerk aufbauen und warten können.

IP-Netze und IP-Telefonie

Geschürt werden die Hoffnungen auf den Erfolg des Digital Home durch eine Reihe von Entwicklungen vor allem im Broadcasting- und Netzwerkbereich. Digitales Breitband-Fernsehen, ob via Settop-Box oder Kabel, wird bald amtlich verordnet. Damit bekommt endlich das so genannte Triple Play eine Chance, sprich die Übertragung von Sprache, Bild und Daten via Netz.

Diese Aussichten treiben nicht nur die Hersteller von Settop-Boxen, High-Definition-Fernsehern und digitalen Videorekordern auf die Messe. Gezeigt werden die Geräte von Siemens, Yakumo, Sharp, Panasonic, Hyundai, NEC und vielen anderen in dem eher langweilig nach Rechnergehäusen und Platinen klingenden Messe-Bereich Digital Equipment and Periphery, vor allem aber in den fast benachbarten Hallen 2 und 23.

Communications (Halle 11 bis 16, 26 plus Pavillons): Die Infrastruktur für das digitale Zuhause, vor allem aber auch für betriebliche Multimedia-Dienste wie IP-Telefonie und in Verbindung damit das Multiprotocol Label Switching (MPLS) beschäftigt die Carrier in den Communications-Hallen. Entsprechende Konzepte und Komponenten zeigen die British Telecom, Cisco (Halle 13), IBM, Rivestone, Alcatel, Juniper, Nortel und andere.

Das Thema geht nicht nur die TK-Industrie an. So demonstriert Cisco auf der CeBIT live eine IP-Kommunikationspakete für Unternehmen, Filialen und Heimarbeitsplätze sowie Service-Provider-Lösungen. Neben IP-Telefonen, CTI-Werkzeugen (Computer-Telefonie-Integration), Unified Messaging und der Call-Center-Software IP Contact Center runden Video-Telefonie sowie Konferenzschaltungen die Ende-zu-Ende-Kommunikationslösung ab. Getrieben wird diese Geschäft stark vom Trend zur IP-Telefonie, die sich auf Basis des SIP-Standards privat und im Unternehmen immer mehr durchsetzt. Zu den Anbietern von IP-Lösungen gehören unter anderen) 3Com (Halle 13), Avaya, (Halle 13). Siemens (Halle 26) präsentiert mit dem Gigaset „M34 USB“ zur CeBIT die nach eigenen Angaben weltweit erste Voice-over-IP-Lösung mit schnurlosen Dect-Telefonen. Arcor  bietet mit Arcor@call, einen Voice-over-IP-Dienst, bei dem der Nutzer nicht mit Web-Adressen hantieren muss, sondern wie gewohnt mit Telefonnummern.

Mobilfunker

Wenn es nach Vodafone & Co geht, dann tanzen wird bald nach ihre  Musik vom Handy (Bildquelle: Vodafone)

Ein Thema für sich ist die Mobilfunk-Branche. Nach dem UMTS- Launch im vergangenen Jahr, wollten sie in diesem Jahr eigentlich mit unwiderstehlichen Anwendungen aufwarten. Die sind jedoch weitgehend ausgeblieben. Anbieter Vodafone, der schon im vergangen Jahr mit seiner UMTS-Karte für Notebooks Furore gemacht hat, verfolgt den eingeschlagenen Weg allerdings weiter und setzt auf mobile Videotelefonie. „Vodafone Mobile TV“ bringt maßgeschneiderte TV-Inhalte aufs Handy, zum Beispiel ausgewählte Programmteile von RTL, N24, MTV oder Spielübertragungen aus der Fußball-Bundesliga. Und auch der schnelle Musik-Download auf das Handy mit anschließender Internet-Übertragung auf den heimischen PC gehört zu den aktuellen UMTS-Anwendungen.

Generell herrscht in der Branche darüber Verärgerung, kein tragfähiges Geschäftsmodell gefunden zu haben. Daher flüchten sich viele Mobilfunkanbieter in Visionen wie Seamless Roaming, mit dafür gesorgt werden soll, dass der Kunde nicht mehr zu wissen braucht, ob seine Daten via UMTS, Wireless LAN oder das E-Mail-System auf sein Handy kommt. Schwer vorhersagbar bleibt, welche Kosten beim Wechsel zwischen den Diensten entstehen. Sprich: Auch hier ist das Geschäftsmodell noch unklar. Zudem wurden spätestens Ende Februar auf der 3GSM-Konferenz in Cannes die Weichen für die UMTS-Nachfolge gestellt. So steckt hinter dem Kürzel HSDPA eine Technik zur Beschleunigung von UMTS, die Vodafone auf der CeBIT zeigt. Ebenfalls als UMTS-Nachfolger für den Datenverkehr wird das drahtlose Standard Wimax gehandelt.

Das Büro für all jene, die Wochenenden und Reise öde finden.

Eine zweite Hoffnung verbirgt sich hinter dem Schlagwort mobiles Büro. Das Ziel lautet seit Jahren, die wenig ergiebigen Sprachdienste um den lukrativeren Transport von Daten zu ergänzen. Dabei schielen die Mobilfunker auf den Erfolg des E-Mail-Geräts Blackberry von Research in Motion (RIM). Auch wenn Palm, Vodafone und T-Mobile Geräte mit dieser Push-E-Mail-Technik präsentieren, ist noch nicht klar, ob der Markt für diese im Vergleich zu SMS teure Datenkommunikation groß genug ist, um rentabel zu sein. RIM selbst zeigt seine Lösungen in Halle 12 (A30).

erschienen März 2005 in CIO