„In der Natur sitzen und malen, ist das Allerschönste“

Franz Fusseder

Er will einfach nur malen und von seiner Kunst leben. Tatsächlich überlebt er seit mehr dreißig Jahren als freier Maler im Münchner Kunstdschungel. Nie hat er versucht, die großen Galerien mit avantgardistischen Konzepten auf sich aufmerksam zu machen. Stattdessen entwickelte er mit bescheidenem Fleiß seine Talente, verkaufte Bilder und gründete schließlich eine Mal- und Zeichenschule.

Fusseder erinnert sich, wie er 1968 als verträumter Jüngling aus der niederbayerischen Provinz nach München. Gerade erst hatte der Bauernsohn auf dem zweiten Bildungsweg die Mittlere Reife nachgeholt und kam nun in mit der Absicht, an der städtischen Sprachenschule Englisch und Spanisch zu lernen. Außerdem wollte sich der passionierte Stürmer (Rechtsaußen) einen neuen Fußballverein zu suchen. Weitere Pläne für die Zukunft hatte er nicht. Malen – zu Beginn ausschließlich in Öl – war für ihn damals noch eine private Leidenschaft.

Liberalitas
Bavariae

 

Diese lockere Haltung passte in die Zeit. Die Landeshauptstadt war eben erst von ihren revoltierenden Studenten aus dem Spießbürger-Schlaf gerüttelt worden. Sie machte sich auf, eine moderne weltoffene Stadt zu werden. In Schwabing stellten die Straßenkünstler neben Ölbildern psychedelische Plattencover aus. Überall in der Stadt wurden die ersten U- und S-Bahnschächte ausgehoben, der Plan für das futuristische Olympiazeltdach fand weltweite Bewunderung. Arbeitslosigkeit war noch ein Fremdwort, und so machten sich langhaarige Müßiggänger in Jeans und Fransenbluse, oder und leicht bekleidete Minirock-Mädchen einen Spaß daraus, die arbeitende Bevölkerung durch Untätigkeit zu schockieren.

 

In dieser unbeschwerten Atmosphäre war es durchaus üblich, dass ein junger Mann sich ohne konkretes Berufsziel im Leben umsah. Leicht fand er Gelegenheitsarbeiten, um das bescheidene Taschengeld von zu Hause aufzubessern. Einer dieser Jobs wuchs sich zum Beruf aus, als er 1969 beschloss, eine fünfjährige Tanzlehrerausbildung zu beginnen. Anstatt sich mit voller Lust in den Trubel des Großstadtlebens zu stürzen, fand sich der bodenständige Bauernsohn bald in einem arbeitsamen Stundenplan eingebunden. Morgens Sprachenschule, nachmittags lernen und Jobben, abends Tanzkurse.

Das Malen wurde dabei nie vergessen. Doch erst 1972 suchte sich der Autodidakt einen Meister. Er meldete sich auf eine Zeitungsannonce von Alexander Wecker-Bernsheim, dem Vater des bayerischen Liedermachers Konstantin Wecker. Der Maler, der in Brüssel eine Gastprofessur innehatte, bot in München Privatunterricht an. Es wurde ein Termin im Atelier in der Adalbertstraße verabredet, zu dem zwar Fusseder erschien, Wecker-Bergheim jedoch nicht. Es kam dann doch noch zu einem Treffen, bei dem Fusseder als Schüler akzeptiert wurde. Im Laufe seiner achtjährigen Ausbildung erfuhr er, dass Wecker-Bergheim seine Schüler beim ersten Mal immer versetzte, weil er nur hartnäckig interessierte Schüler unterrichten wollte.

Die Palette des Künstlers

Vom Stil her arbeitete Wecker-Bergheim gegenständlich-
impressionistisch, malte viel Portraits, aber auch Landschaften. Das kam Fusseder sehr entgegen, der seit seinem 15. Lebensjahr Landschaftsbilder in Öl malte. „Ich bin einfach ein geborener Landschaftsmaler“, bekennt er noch heute und wehrt sich immer wieder heftig gegen die häufige geäußerte Unterstellung, gegenständliche Kunst sei weniger innovativ und modern als abstrakte. Bei Wecker-Bergheim lernte er viele Techniken und entdeckte dabei die Aquarell-Malerei, die später sein Werk dominiert.

Ein Spanienaufenthalt vom Frühjahr bis Herbst 1977 markiert einen tiefen Lebenseinschnitt. Als malender Tanzlehrer reist er aus München ab und als Maler, der nur noch gelegentlich Tanzstunden gibt, kehrt er zurück. Als Maler hat er sich zwar schon vorher verstanden, aber mit der Verantwortung eines angehenden Familienvorstands, fiel es ihm doch schwer, das ungewisse Künstlerleben zu wagen – zumal er damals vom Bilder verkaufen noch nichts verstand.

Anfangs versuchte er seine Ölbilder auf Hobbymärkten an den Mann zu bringen, doch schon bald entdeckte er die weit lukrativeren Einzelausstellungen. Nach der Geburt seines Sohnes und dem Umzug in eine größere Wohnung beginnt er zudem an der Volkshochschule Malkurse zu geben. Seit 1998 schließlich betreibt er eine eigene Mal- und Zeichenschule und veranstaltet Malreisen nach Südeuropa (siehe Interview: Überleben in München).

 

Sinnlichkeit statt
kurzlebiger Theorie

 
Ungewöhnlich war der Entschluss, sich selbständig zu machen, auch, weil Fusseder sich nie der Illusion hingegeben hat, mit Malerei reich und berühmt werden zu können. „Das hat mich nie interessiert“, versichert er durchaus glaubwürdig. Nie hat er versucht, mit avantgardistischen Theorien von sich reden zu machen. Sie hätten auch gar nicht zu seinen Bildern gepasst. Schließlich versteht er sich als geborener Landschaftsmaler. Sein Credo: „Draußen in der Natur zu sitzen und zu malen, ist das Allerschönste.

Allein zu sein, keinen Zweck zu verfolgen, einfach Malen.“ Kunst entsteht bei ihm aus langer Übung, Experimentierfreude, technische Fertigkeiten. Die vertrauten Gegenstände, Landschaften sind kein Selbstzweck, sie helfen dem Künstler seine technischen Möglichkeiten auszuschöpfen.

„Vor allem aber lernt man in der Natur, anders als im Atelier genau hinzusehen. Das bedeutet nicht nur den Gegenstand zu sehen, den man malen will, den Ausschnitt zu wählen, sondern auch dahinter zu schauen. Von diesem Bild hinter dem Bild kommt es, dass eine Baumkrone nicht  nur grün, sondern auch blau sein kann“, begründet Fusseder seine ungebrochene Begeisterung für Landschaftsmalerei.

 

Fusseder ist nicht theoriefeindlich, er warnt nur vor zu hohen Erwartungen: „Ich entwickele mich weiter, aber ich weiß nicht wohin. Auch die abstrakten Maler haben oft keinen anderen Lebensweg außer dem, zu malen, sich zu verbessern. Ich brauche für meine Arbeit keine großen Theorien. Ich bin ein Maler, der malen will und diese Arbeit nicht für irgendeine Idee aufgeben möchte. Auf der Ideenebene ist Malerei tot. Es war schon alles da. Die Leinwände wurden längst geschwärzt und zerschnitten. Das hindert mich nicht, das Sinnliche der Malerei zu genießen, gerade auch an den traditionellen Gegenständen. Und wer weiß heute, ob nicht gerade auf diese Weise die Kunst vorangetrieben wird."

 

Bunte Abstraktion,
gesichtslose Menschen

 

Die meisten seiner Bilder entstehen daher im Freien. Aber wenn Fusseder im Atelier experimentiert, entstehen Bilder von geheimnisvoll bunten Fantasiestädten und Menschen ohne Gesichtern. Nie sind diese Bilder unheimlich, eher fröhlich, nur manchmal etwas melancholisch – wenn eine Gruppe Menschen sich mit Regenschirmen gegen stürmischen Regen zu behaupten versucht. "Das ist meine Art der Abstraktion", erklärt Fusseder. Gegen psychologische Erklärungen wehrt er sich. "Stimmungen hat man nicht so im Griff. Sie kommen von selber, hängen weniger von meiner Laune als vom Material und der Farbe ab. Ich mache meine Palette nie sauber, deshalb gibt sie mir bestimmte Farbtöne vor." Ihn interessiert an der Malerei vor allem Farbe und Gestaltung. „Der Gegenstand“, so Fusseder, „ist nur das Vehikel.“

Seelandschaft flirrenden Licht, fast schon abstrakt

Eine Ausnahme von seiner gegenständlichen Malerei macht er bei Performances, die meist im Rahmen von Vernissagen stattfinden. Dabei wirft er zu Musik oder Dichtung kraftvolle, farbenfrohe  Muster auf großformatige Papierbögen. Die so entstehenden Bilder bilden den Grundstock für eine weitere Kunstaktion, die Fusseder für einen späteren Zeitpunkt plant. Fusseders Aktionen verfolgen das Ziel Malerei, Musik und Dichtung zusammenzubringen.

Enttäuscht äußert sich Fusseder über die veränderte Einstellung der Menschen zur Kunst. Viele kaufen seiner Ansicht nach Bilder nur noch als Wertanlage. Deshalb wird das schlechte Gemälde eines bekannten Künstlers in der Regel höher bewertet als das gute eines weniger bekannten Malers. Schmerzlich ist für ihn, dass sich immer weniger Menschen die Mühe machen, die Ateliers der Maler aufzusuchen. Tun sie es doch, dann geht es ihnen nur um den Reiz des Ereignisses, sie genießen die Gelegenheit in ungewöhnlicher Atmosphäre, ein Glas Wein zu trinken, und kommen gar nicht auf die Idee, ein Bild zu kaufen. Fusseder ist froh, dass er mit seiner Schule und den Malreisen zusätzliche Standbeine hat, denn „verkauft wird heute kaum mehr. Ihr Geld geben die Menschen heute lieber für etwas anderes als Bilder aus".



"Ich will malen, nicht reich damit werden"

Überleben in München

Seit wann sind Sie hauptberuflicher Maler?

Seit 1977. Damals bin ich mit meiner Frau für ein halbes Jahr nach Spanien gegangen. Danach fing ich an, als freiberuflicher Maler zu arbeiten und in der Tanzschule nur noch auszuhelfen. Es gibt manchmal Momente im Leben, wo äußere Ereignisse helfen, das zu tun, was man möchte. Ich habe mich schon vorher als Maler verstanden. Es ging um das Wagnis, freiberuflich zu arbeiten.

 

Haben Sie damals schon Bilder verkauft?

Nicht wirklich. Erst nach dem Spanienaufenthalt fing es mit Hobbymärkten an, vor allem im Schwabinger Bräu, wo ich zwei-, dreimal einen Ausstellungstisch gemietet habe. Dort konnte man eigentlich nur kleinformatige Bilder verkaufen - für 100 bis höchstens 300 Mark. Das waren damals noch Öl- und Acrylgemälde. Damals habe ich auch mit Mischtechniken gearbeitet.

 

Wann wurde das Malen zu einer richtigen Einnahmequelle?

Das war erst später, als ich begann Einzelausstellungen zu machen.

 

Konnte die Familie davon leben?

Unser Budget war überschaubar, aber es hat immer gereicht. Zunächst wohnten wir auch noch eine günstig und hatten noch keine Kinder. Außerdem unterrichtete Theresa bei einem Spracheninstitut  Englisch und Spanisch.

 

Wie kommt man zu Einzelausstellungen?

Durch Anfragen bei Galerien, Banken , Ämtern, Vereinen, Bibliotheken und so weiter.

 

War das schwierig?

Im Grunde nicht, denn dort wurden ja laufend Ausstellungen gemacht. Natürlich gab es qualitative Ansprüche, aber strenge Auswahlkriterien, was die Malrichtung betrifft, haben nur Galerien oder Unternehmen, die sich ernsthaft bestimmten Strömungen widmen. Allerdings waren die Räume oft ein halbes oder ein ganzes Jahr ausgebucht. Es kam also darauf an, sich mit seinen Bilder vorzustellen und sich auf einer Liste anzumelden. Manchmal musste ich auf eine Ausstellung ein oder zwei Jahre warten.

 

Wie ist das heute?

Es wird schwieriger. Wenn Budgets gekürzt werden müssen, geht das bei der Kultur am einfachsten.  Selbst wenn eine Firma noch Ausstellungen macht, spart sie meist die früher üppigen Buffets bei der Vernissage ein. Hinzu kommt, dass es heute keine richtigen Ansprechpartner mehr für die Künstler gibt. Früher haben die Chefs Zeichen gesetzt, eine Eröffnungsrede gehalten und auch gleich Bilder gekauft. Heute läuft das ganz anonym ab. Das geht so weit, dass manchmal nur noch der Zeitpunkt für das Anliefern und Abholen der Bilder ausgemacht wird, und der Künstler sich um alles selbst kümmern muss, vom Werbematerial über den Wein zur Vernissage bis zum Abhängen der Bilder. Ein Münchner Großhotel verlangt sogar Raummiete. Umsatzbeteiligung ist noch verständlich, aber Raummiete, finde ich schon sehr eigenartig. Aber es ist sehr verschieden. Bei meiner letzten Ausstellung hatten wir zwei Budgets. Wir haben gemeinsam das Werbematerial entworfen, und dann hat jeder seine Kunden auf eigene Kosten eingeladen. Oft übernehme ich auch Organisationsaufgaben, weil ich einfach mehr Erfahrung damit habe als viele Unternehmen.

 

In den achtziger Jahren kamen Ihre Söhne zur Welt, und es wurde nötig eine größere Wohnung zu beziehen. Kam es da nicht zu starken Einschränkungen?

Natürlich gab es immer wieder finanzielle Engpässe, aber keine Einschränkungen. Ich genoss das Privileg, viel mehr für meine Kinder da zu sein als andere Väter. Außerdem konnten wir unsere Zeit so einteilen, dass meine Frau weiter ihrer Arbeit nachgehen konnte. Es hat nichts Wichtiges gefehlt. Inzwischen studiert Nikolas Bioinformatik und Christopher ist ein Jahr vor dem Abitur.

 

In der Zeit nach dem Umzug begannen Sie, zusätzliches Geld durch Malkurse an der Volkshochschule zu verdienen …

Ja. Das hat sich durch eine Nachbarin ergeben. Durch meine Zeit in der Tanzschule verfüge ich über reichlich pädagogische Erfahrung. Als Tanzlehrer lernt man mehr über Menschen als in zehn Jahren Psychologiestudium. Ich habe den Schülern beigebracht, das Malen ernst zu nehmen und sie davor gewarnt, es als Hobby zu sehen.

 

Welche Rolle spielten für Sie renommierte Galerien und Museen?

Darum habe ich mich nie gekümmert. Das geht vermutlich auch nur mit Agenten. Früher hatte man dort mit Aquarellen kaum eine Chance. Die Galerien verlangten vor allem nach ausgesprochen avantgardistischen Ölgemälden. Trotzdem, gegen so eine Galerie, die sich um den Verkauf meiner Bilder kümmert, hätte ich nichts einzuwenden. Gute Galeristen machen ja auch Kataloge und bauen Künstler auf.

 

Haben Sie hier nicht eine Chance ausgelassen, berühmt zu werden?

Das hat mich nie interessiert. Ich bin froh, wenn ich in Ruhe arbeiten kann.

 

Wollten Sie nie reich werden?

Seit 1998 betreibe ich eine eigene Mal- und Zeichenschule. Das war ein großer Schritt, weil ich mein kleines günstiges Atelier verlassen musste, um ein großes am Königsplatz anzumieten, das sich für den Unterricht von mehreren Schülern eignet. Ich will damit nicht reich werden, ich bin einfach froh, wenn ich meinen Betrieb aufrechterhalten kann.

 

Empfinden Sie die vielen Künstler und Galerien in München als Konkurrenz?

Nein. In einer Stadt, in der wenig los ist, kann man vielleicht für eine kurze Zeit als Lokalmatador auftreten, aber der Reiz nützt sich bald ab. In lebendigen Kunststädten wie München oder Berlin, ergeben sich dagegen immer wieder neue Möglichkeiten.

 

Sie geben Kurse in der Volkshochschule, unterrichten Schüler, veranstalten Malreisen, organisieren Ausstellungen und malen. Ist das nicht ein bisschen viel?

Ich mache das gerne. Wenn ich nicht selber malen würde, hätte ich Kunstagent werden können.

 

Leben Sie eigentlich vom Malen oder vom Unterrichten?

Ich möchte es so ausdrücken: Ich kann vom Unterrichten allein nicht leben und vom Bilder verkaufen auch nicht. Ich brauche die Kombination.

 

magazin [ku:] eins, September 2002 


Franz Fusseder

Vita


1946  
Franz Fusseder wird in Ortenburg, Niederbayern, geboren. Kindheit und Jugend waren geprägt von Arbeit auf dem väterlichen Hof, der Leidenschaft des Jungen für Fußball und Malen.

1968
Der Einundzwanzigjährige holt die mittlere Reife nach und geht nach München. In einer Sprachenschule studiert er ohne konkreten Berufswunsch Englisch und Spanisch. Ansonsten lebt er von Gelegenheitsjobs, unter anderem in einer Tanzschule.

1969
Der Job wird zum Beruf. Fusseder beginnt eine fünfjährige Ausbildung zum Tanzlehrer,

1972
Der Kunstprofessor Alexander Wecker-Bergheim nimmt Fusseder in seine Malschule auf.

1977
Fusseder geht mit seiner Frau Theresa für ein halbes Jahr nach Spanien. Dort wächst der Entschluss, sich auf die Tätigkeit als freiberuflicher Maler zu konzentrieren. Er beginnt Bilder auf Hobbymärkten, vor allem im Schwabinger Bräu, zu verkaufen.

1978/79
Die intensive Auseinandersetzung mit der Aquarelltechnik beginnt.

1979
Erste Ausstellungen bringen Verkaufserfolge. Es folgen bis heute in großer Zahl Einzel- und in geringerem Maße Gruppenausstellungen.

1980
Seit 19890 ausgedehnte Mal-Reisen durch Italien, Spanien, Kalifornien und Mexiko.

1982
Fusseder beginnt an der Volkshochschule Malkurse zu geben.

1983
Ölmalerei gerät gegenüber dem Aquarellieren in den Hintergrund

1985
Er wird regulärer Dozent an der Münchner Volkshochschule

1998
Fusseder gründet seine eigene Malschule und veranstaltet Mal-Reisen nach Italien, Spanien und Südfrankreich.



mehr:
- Porträt: In der Natur malen
- Interview: Überleben in München