Reine Linux-Dienstleister bleiben die Ausnahme

Anwender setzen auf eigenes Know-how

Dienstleistung gilt von Anfang an als das zentrale Geschäftsmodell für Open-Source-Software. Doch trotz des anhaltenden Linux-Booms und vieler Großprojekte stehen die Chancen für einen eigenständigen Service-Markt nicht besonders gut.

Auf den ersten Blick sieht die Situation recht rosig aus. Im Internet lassen sich problemlos hunderte von Linux-Dienstleistern finden. Die Marktbeobachter der Meta Group veranschlagen den Jahresumsatz für Linux-bezogene Dienstleistungen allein in Deutschland auf rund 130 Millionen Euro. Doch während ansonsten das Geschäft mit und um Linux nachhaltig mit hohen zweistelligen Wachstumsraten boomt, nehmen sich die Prognosen für das Service-Geschäft eher bescheiden aus. Rund acht Prozent Zuwachs sieht die Meta Group für das Jahr 2005.

Doch die reinen Open-Source-Anbieter profitieren in aller Regel am wenigsten vom Service-Geschäft. Die vielen kleinen Linux-Dienstleister, die man im Netz findet, betreuen auf lokaler Basis meist computertechnisch unerfahrene Anwenderunternehmen bei der Implementierung von Linux und dem Einrichten von Datei- und Druck-Servern. Außerdem stellen sich viele der Anbieter bei genauerer Betrachtung oft als Systemhäuser heraus, die Linux-Know-how in ihr Portfolio mit aufgenommen haben. Für sie ist Linux lediglich eine zusätzliche Plattform, die von ihren Kunden nachgefragt wird. Diese wiederum sehen nicht ein, warum sie für ein neues Betriebssystem den Ansprechpartner wechseln sollen.


Typisches Service-Verhalten

Wohin wendet sich ein Anwender, wenn er Linux-Hilfe braucht?
(Stichprobe bei 200 Entscheidern)
70% Linux-News- und Usergroups
56% Freunde und Kollegen
36% Distributor
31% Softwareanbieter
30 % IT-Service-Anbieter
22% Hardwareanbieter

Quelle: Techconsult


Die im Vergleich zu den Betriebssystem-Absätzen niedrigen Wachstumsraten im für Dienstleistungen zeigen, dass der Linux-Markt nicht vom Service, sondern vom Produktgeschäft getrieben wird. Hersteller von Intel-Rechner überbieten sich in Pressemeldungen mit Milliarden-Beträgen, die sie mit Linux-Workstation und –Servern verdient haben wollen. Außer bei aufwänidgen Migrationsprojekten werden hier kaum Dienstleistungen in Anspruch genommen. Der Grund: Das meiste machen die Anwender selber.

Von Techconsult befragte Anwender gaben an, dass sie bei Linux-Projekten rund 75 Prozent für Hard- und Software, aber nur rund vier Prozent für externe Services ausgeben. Dafür aber investieren sie 22 Prozent der Gelder in den Aufbau von internem Linux-Know-how. Die Unternehmen, so Techconsult-Analyst Carlo Velten, haben die strategische Bedeutung des Open-Source-Betriebssystems erkannt. Sie wissen, dass sie langfristig nicht ohne entsprechende Kenntnisse auskommen werden.

Zudem existiert in vielen IT-Abteilungen längst eine umfasssende Expertise, weil Open-Source-Projekte dort schon betrieben wurden, als von professionellen Dienstleistungen noch keine Rede sein konnte. Auch Markus Huber-Graul, Senior Consultant der Meta Group, bestätigt, dass der Bedarf nach Planungs- und Design-Beratung massiv nachgelassen habe, weil sich die Anwender meist selbst behelfen. Insofern sind die Anwender die Hauptkonkurrenz der reinen Linux-Dienstleister.

Das bedeutet nicht, dass es keinen Markt für Linux-Dienstleistungen gäbe. Nach Aussagen der Marktbeobachter läuft das Geschäft mit Anwendungsintegration an. Dabei handelt es sich um Projekte, mit denen reine Linux-Spezialsten rasch überfordert sind, gleichgültig, ob diese beim Anwender oder bei einem Open-Source-Dienstleister sitzen. Hier setzt das Geschäftsmodell der Dienstleistungs-Companies an.

Auch Linux-Distributor Novell/Suse und dessen Consulting-Arm Cambridge Technology Partners sehen hier ihre Chance. Marina Walser, Marketingchefin beider Unternehmenszweige: „Bei einer Serverkonsolidierung brauchen Anwender nicht viel externes Know-how. Künftig wird es aber darum gehen, große Projekte zu stemmen und Anwendungen einzubinden. Hier entsteht ein höherer Beratungsbedarf.“ Auch handle es sich bei Migrationen um Einmalprojekte für die es sich nicht lohne, interne Ressourcen aufzubauen. Die größten Potenziale für Linux-Dienstleistungen sieht sie bei Applikationsintegration, Desktop-Migration sowie bei Großprojekten. Sie räumt allerdings ein, dass Linux am Desktop noch ein Zukunftsprojekt ist. Heute rangiert Novell/Suse laut Techconsult-Hitliste in der Gunst der Anwender nach IBM und vor HP auf Platz zwei..

Diese Entwicklung zeigt, dass, entgegen den Hoffnungen der Open-Source-Gemeinde, das Geschäft mit Linux-Dienstleistung im allgemeinen Dienstleistungsmarkt aufgeht. „Schließlich“, so Huber-Graul, „gibt es ja auch keinen eigenen Dienstleistungsmarkt für Unix oder Windows“. Betriebssysteme sind Plattformen für betriebliche Anwendungen und Prozesse. File- und Print-Services lassen sich von der DV-Abteilung einrichten; um eine SAP-Umgebung auf Linux zu implementieren kommen allerdings professionelle Dienstleister wie IBM Global Services oder Accenture zum Einsatz, die bei Bedarf auf Linux-Spezialisten zurückgreifen.

Branchenprimus Redhat ist eines der wenigen reinen Open-Source-Unternehmen, das nennenswerten Umsatz mit Linux-Dienstleistung macht. Das liegt vor allem daran, dass Linux-Distributoren ihr Geschäft generell als Service-Geschäft sehen, weil sie für das Open-Source-Linux keine Lizenzen verlangen, sondern Gebühren für die damit verbunden Services wie Handbuch, Installationssupport, Updates und Ähnliches erheben. So gesehen ließe sich fast der gesamte Umsatz von Redhat, der sich im Geschäftsjahr 2003/04 auf rund 125 Millionen Dollar belaufen hat, als Service-Umsatz deuten. Diese Sichtweise ist allerdings umstritten. Selbst Mitbewerber Novell/Suse verbucht seine Distributionsumsätze unter Software und nicht unter Dienstleistung. Diese „verdeckten Lizenzgebühren“ der Distributoren sind daher auch in die von der Meta-Group ermittelten 130 Millionen Euro für Linux-Services nicht mit eingerechnet.

Redhat Services

Bei Redhat gehört zum Lieferumfang neben dem Betriebssystem ein Abonnement von Diensten wie Updates, Patches und neue Releases, die über ein eigenes Netz verteilt werden. Enthalten ist auch eine technische Hotline, für die je nach Umfang unterschiedliche Preise verlangt werden. Mit Abos erwirtschaftet Redhat etwa drei Viertel seines Umsatzes, Tendenz steigend. Darüber hinaus können Dienstleister und vor allem Anwenderunternehmen bei Redhat Mitarbeiter zu zertifizierten Redhat-Spezialisten ausbilden lassen. Ähnliche Programme gibt es auch bei Novell/Suse.

Da Redhat, anders als Novell, keinen eigenen Consulting-Bereich besitzt, misst das Unternehmen dem Schulungsbereich besondere Bedeutung bei. Laut Marketing-Direktor Paul Salazar lässt sich dieser Bereich leicht in mehrere Richtungen ausbauen. So werden hier für gutes Geld nicht nur Systemadministratoren ausgebildet, sondern auch Kernel-Entwickler, Softwarearchitekten oder Sicherheitsspezialisten. Für Partner sind bestimmte Zertifizierungsstufen obligatorisch. Salazar macht sich keine Illusionen. Er geht davon aus, dass der Umsatz mit Abos gegenüber den darüber hinaus gehenden Services mit rund 80 Prozent Umsatzanteil (derzeit rund 75 Prozent) sich zuungunsten der Dienstleistungen entwickelt.

Beratung gehört daher nicht zum strategischen Geschäft, selbst wenn Redhat Basisdienste von der Planung bis zum Management anbietet. Oft ist neben Linux-Know-how jedoch auch Prozess-Erfahrung gefragt. In solchen Fällen helfen auf globaler Ebene Partner wie Oracle und IBM Global Services. Auf europäischer Ebene gibt es 45, auf deutscher Ebene sieben Partner.

Da insbesondere deutsche Anwender gerne mit möglichst wenigen Ansprechpartnern arbeiten, landen die meisten Open-Source-Projekte sowieso zuerst beim angestammten Systemhaus oder bei den großen Hauslieferanten wie IBM, HP oder Siemens-Fujitsu. Als Partner der Distributoren übernehmen sie deren Grundsupport sowie First- und Second-Level-Support. Erst bei ernsthaften technischen Problemen wird Redhat eingeschaltet.

Consulting von Novell/Suse
und Cambrigde Technology Partners

Anders stellt sich die Situation bei Novell/Suse dar. Das Unternehmen sieht Linux vor allem als Plattform für proprietäre Lösungen und Dienstleistungen. Die hauseigenen Consulting-Firma Cambridge Technology Partners kümmert sich um Geschäftsanalyse, IT-Strategien und Architekturen und Novell Consulting berät Kunden und Partner über die eigenen Produkte. Im Team können die Novell-Firmen das gesamte Dienstleistungsspektrum von Planung bis Betrieb und Wartung abdecken. Aber auch hier gilt die Regel, dass sich die Anwender oft an ihre bisherigen Lieferanten wenden, wenn sie Linux-Dienste brauchen. Über Partner wie Siemens Business Services oder Cap Gemini kommt dann auch Novell wieder ins Boot. Außerdem schult das Unternehmen seine rund 700 deutschen Partner darin, für ihre Kunden maßgeschneiderte Migrationskonzepte in Richtung Linux zu entwerfen.

Marketingchefin Walser sieht das Hauptgeschäft im Migrationsbereich. Dabei bezeichnet sie die Ablösung von Unix-Systemen durch preisgünstigere Intel-Linux-Netze als „niedrig hängende Früchte“, während die Ablösung von Windows-Servern eher zu schwierigeren Zielen gehört. Hier soll der für dieses Frühjahr angekündigte Open Enterprise Server (eine Kombination aus Open-Source-Betriebssystem mit proprietären Netzdiensten) den Durchbruch bringen.

Februar 2006 in Computerwoche