CeBIT: Konvergenz wird Megatrend

Vorschau vom 1. März 2006

Selten präsentiert sich die CeBIT so vielfältig wie in diesem Jahr. Vom Handy bis zum Mainframe, von der Entwicklung in Service-orientierten Architekturen bis zum Outsourcing ist alles geboten.

Kern der Messe bleibt nach wie vor der Bereich Business Processing mit Rechenzentrums-Technik und betriebswirtschaftlicher Software. Lebendiger entwickelt sich derzeit jedoch der Bereich Communications, wo sich die Carrier ein Wettrennen bei der IP-Aufrüstung ihrer Netze liefern. Konvergenz heißt der Megatrend.

Eile ist bei der Modernisierung der Netze durchaus geboten. Immer rascher wandert die Sprach-Kommunikation auf Datennetze ab. Bevor der Telekom und ihren Mitbewerbern die Felle davon schwimmen, müssen sie in der Lage sein, ihre Infrastruktur mit neuen lukrativen Diensten zu füllen. Gelten im Consumer-Bereich breitbandige Inhalte wie Musik und Filme als Zukunftshoffung, so sind es im Geschäft mit Unternehmen Push-E-Mail à la Blackberry und IP-Telefonie in den verschiedensten Ausprägungen.


IP-Revolution und Konvergenz

Als große Konkurrenz der Festnetzbetreiber gilt die Mobilfunk-Industrie. Für sie spielt die CeBIT jedoch nur die zweite Geige, seit sich die Branche jährlich im Februar zur Fachmesse 3GSM trifft, die diesmal in Barcelona stattgefunden hat. Von dort bringt Nokia (Halle 26, E68 und Freigelände) eine Reihe neuer Handys nach Hannover. Auch die Kooperationen für mobiles Fernsehen (DVB-H) mit Mitbewerber wie Sony-Ericsson (Halle 26, D32/F30 und Freigelände) sind bereits in Spanien vereinbart worden. Deutschland-spezifischer ist der Versuch des französische Sagem-Konzern (Halle 26, E32/F30), mit seinem HDTV-Receiver ICDD 80 HD endlich Triple-Play zu etablieren, sprich: Fernsehen, Breitband-Internet und Telefonie über das Kabelnetz.

Zu den Trends des Jahres zählt, dass immer mehr Anbieter das Handy für Voice-over-IP (VoIP) nutzen. Auch der Ausbau des UMTS-Standards HSDPA (High Speed Downlink Packet Access) für den schnellen, mobilen Datentransfer wurde schon in Barcelona vorangetrieben.

Mittelfristig, so die Hightech-Beratungsgesellschaft Eurospace, stellt HSDPA eine Alternative zu DSL dar. Derweilen steigen klassische DSL-, Internet- und Telefonnetzbetreiber in das VoIP-Geschäft ein. Dabei löst sich VoIP mit speziellen Telefonen zunehmend vom Computer. So folgen dem WLAN-Telefon von Netgear (Halle 13, C58) jetzt Geräte der taiwanesischen Accton Technology (Halle 15, D46).

In die gleiche Richtung zielen die Dual-Mode-Handys von Arcor (Pavillon P33), die sich außerhalb des Hotspots auch als normale Mobilfunk-Telefone nutzen lassen. In diese Reihe gehört auch die T-Serie der Pocket-Loox-Geräte von Fujitsu-Siemens, die UMTS, GPS, WiFi und Push-Mail integrieren. Es hat sich eingebürgert, in diesem Zusammenhang irreführenderweise vom Ende des Festnetzes zu sprechen. Drahtlos ist aber nur die Verbindung der mobilen Geräte zum WLAN-Router oder zum nächsten Sendemasten, danach läuft die Kommunikation jedoch in aller Regel über Kupfer- oder Glasfaser.

Ebenfalls ein Beispiel für Konvergenz ist, dass O2 (Halle 25, D40) über die spanische Konzernmutter Telefónica mit ADSL2+ ins DSL-Geschäft einsteigt. Ansonsten zeigt das Unternehmen UMTS auf Sim-Karten, und Fernsehen, ins-besondere Fussball, fürs Handy. Im Business-Bereich propagiert 02 E-Mail-Dienste à la Blackberry, dessen Zukunft angesichts langwieriger Patentstreitigkeiten ungewiss ist, weshalb auch die Push-Lösung von Microsoft zu sehen sein wird. Schließlich hat auch der deutsche DSL/Internet-Anbieter United Internet mit seiner Tochter 1&1 (Halle 16, F05) vor, das Blackberry-Konzept nachzuahmen. Die schwierige Situation von Blackberry-Eigner RIM hilft auch Firmen wie der mit iAnywhere (Halle 3, C63 und Halle 12, B26) fusionierten Extended Sy-stems, die mobile Geräte auf RZ-spezifischere Weise in Unternehmensanwendungen einbindet als RIM.

Die Vielfalt von Geschäftsprozessen

Die Communications-Anbieter füllen die Hallen 11 bis 16, plus Halle 26 mit ei-ner verwirrenden Vielfalt. Diese wird noch durch die meist auf den Freiflächen dazwischen verteilten Handy-Herstellern noch verstärkt. Übersichtlicher geht es in den Hallen 1 bis 8 zu, die für den Bereich Business Processes reserviert sind. Hinter diesem im vergangenen Jahr eingeführten Sammelbegriff verbergen sich Rechenzentrumstechniken wie Integration, Speichersysteme oder System-Software (Unix, Linux, Windows etc.), System- und Software-Entwicklung sowie Geschäftsanwendungen vom Enterprise Ressource Planning (ERP) über Kundenmanagement (CRM) bis hin zum diesjährigen Messeschlager RFID.

In Halle 1 residiert traditionell die IT-Prominenz. Generalisten wie Fujitsu-Siemens (G51) und IBM (F41/F51) präsentieren dort Innovationen (wie IBMs Cell-Chip), Rechenzentrums-Virtualisierung, Dienstleistungen, Notebooks und das digitale Wohnzimmer (Fujitsu-Siemens). Unix-Spezialisten Sun Microsy-stems (A90) konzentriert sich darauf, dem zum Linux-Distributor gewandelten Netzwerker Novell/Suse (G41) das eigene Verständnis von Open Source entgegen zu halten. Sun konkurriert wie die beiden erstgenannten Konzerne aber mit Virtualisierungs- und Speichersystemen von Hitachi Data Systems ( D45), NetApp (F69), (EMC (7f2) und Symantec/Veritas ((Halle 1, F69 ). Letztere engagiert sich schon seit Jahren im Bereich Dokumenten-Management wie auch Xerox (F10) und Archivierungsspezialist Opentext, wo das Thema in einer ei-genen Lounge (Halle 3, C56) zum Enterprise Content Management (ECM) hochstilisiert wird.

Chip-Hersteller AMD zeigt in Halle 1 (A91) Verbundenheit mit Sun und Levono und konkurriert in Halle 2 (A24) mit Intel. Dabei geht es nicht nur um Dual-Core-Chips, sondern mit Viiv (Intel) und Life (AMD) auch um Plattformen für das digitale Wohnzimmer. Generell ist dieses Thema allerdings unter der Bezeichnung "Digital Living" in die Halle 27 verbannt, die einen eigenen Messeeingang hat. Ziel ist es, so die Konsumenten unter den Besuchern von den Bu-siness-Bereichen der Messe fern zu halten.

Zu den zentralen Themen der CeBIT gehören Lösungen für Radio Frequency Identification (RFID). IBM bindet sie in seine Lösungszenarien für die Luftfahrt ein, die von der Konstruktion (mit Catia) über Secruty-Techniken bis zur Gepäckverfolgung reichen. Sun hat sichdafür den Partner Feig Electronic auf den Stand geholt. Weiter Lösungen sind bei der SAP (Halle 4 D12), Intel (Halle 2, C46) und Teradata (Halle1, K41) zu sehen. Das eigentliche RFID-Zentrum bil-det aber der 2800 Quadratmeter umfassende Stand von Parade-Anwender Metro (Halle 6, E50), auf dem auch Teradata und T-System mit Lösungen gastie-ren. Darum herum scharen sich KleinereAnbieter wie Psion (Halle 6, C42).

Die Softwerker verteilen sich vor allem auf die Hallen 3 bis 8, wobei die Halle 4 mit der ERP-Riege um SAP (D12) sowie mit Microsoft (A38) den größten Zulauf bekommen dürfte. Was den Neuigkeitswert betrifft, dürfte Microsoft mit Vor-versionen von Office 2006 und dem Windows-Betriebssystem Vista die Nase vorn haben. Auf dem SAP-Stand werden zudem erste Einblicke in das mit den Walldorfern betriebene Mendocino-Projekt gewährt, das der Integration von MS-Office in ERP-Anwendungen dient. Ansonsten dürfte es auf dem Stand der Walldorfer intensive Diskussionen um den Einstieg in das Hosting-Geschäft für CRM gehen sowie um die Folgen der Entscheidung den "mittleren Mittelstand" künftig von SAP und Partnern zu betreuen.


Betriebswirtschaft für den Mittelstand

Mehr Spannung als die SAP-Präsentation verspricht jedoch der ERP-Mark für den Mittelstand. Bei vielen Anwenderunternehmen existiert nach den sparsa-men Jahren dringender Modernisierungsbedarf. Doch bei der Neuanschaffung polarisieren sich die Haltungen. Auch für dieses Jahr haben die Walldorfer eine Mittelstsandsinitiative versprochen. Doch Lösungen wie All-in-One kommen meist nur für Firmen in Frage, die man nur noch mit Mühe zur angepeilten Zielgruppe zu zählen sind. Microsoft hat dieses Problem nicht, dafür verschreckte der Konzern viele Kunden und Händler mit seinem Projekt "Green". Er konzentriert sich daher in diesem Jahr auf die aktuellen Versionen von Axapta (jetzt: Dynamics AX 4.0) und das Kunden-Managment-System Dyna-mics CRM 3.0.
Den großen Konzernen gegenüber stehen die mittelständischen Anbieter. Ihnen wird zwar oft mangelnde Zukunftssicherheit nachgesagt, dafür können die Kunden mit ihnen auf Augenhöhe Branchen-Know-how abklopfen. Gegen viele Prognosen ist es einer Reihe dieser kleineren Anbietern zudem gelungen ihre Software zu modernisieren - meist auf Java-Basis.

Kurz vor der CeBIT hat die Münchner SoftM (Halle 5, C04) ein solches mit der Schweizer Bison-Gruppe entwickeltes Paket namens "Greenax" vorgestellt. Weitere Java-Produkte zei-gen unter anderen die Infor-Tochter Varial (Halle 5, D26) für Personalwirtschaft und Finanzwesen, der Lebensmittel- und Lifescience-Spezialisten GUS (Halle 4, A12) oder CIS (Halle 3, C26) mit Semiramis.

Neue Funktionen gibt es aber auch bei den Produkten von Oxaion (Halle 5, A38), Proalpha (Halle 3, C17), Bäurer (Halle 5, A28), PSI (Halle 5, D26/1) und anderen. Kurz: Gegen alle Prognosen ist der deutsche Markt für mittelständi-sche ERP-Software quicklebendig.


Dauerbrenner Security

Besonders dynamisch entwickelt sich auch das Security-Geschäft, das in Hannover inzwischen zwei Hallen ( 6 und 7) füllt. Viele Blicke richten sich dabei auf Microsoft (Halle 6, E50). Der Software-Konzern hat für Windows-Vista deutlich mehr Sicherheit versprochen.
Marktführer Symantec (Halle 1, F69 und Halle 7, A06) fühlt sich seit der Veritas-Übernahme seiner Norton-Utilities-Vergangenheit weitgehend entwachsen. Zwar schützen die Tools nach wie vor Rechner vom PC bis zum Rechenzentrum, doch nun spricht das Unternehmen lieber von Business Continuity oder Informationsintegrität.

Näher an den Interessen des umworbenen Mittelstands bewegen sich die Anbieter von einfach zu bedienenden Sicherheits-Appliances. Gezeigt werden solche Multifunktionsgeräte unter anderem von Utimaco (Halle 7, A28) und Astaro (Halle 6, K12), Juniper Networks (Halle 13, D85), Symantec (Halle 7, A06), Checkpoint und Radware (beide auf dem Stand von Computerlinks Halle 7, A30).

Relativ neu ist die Herausforderung, mobile Geräte auf sichere Weise in die Unternehmens-IT zu intergrieren. Ein Teil der Sicherheitsprobleme beheben Per-sonal Firewalls sowie Scansoftware, die beim Andocken im Unternehmen aktiv wird. Entsprechende Produkte gehören zum Standardrepertoire aller einschlägigen Unternehmen. Unter anderem zeigt Kaspersky (Halle 7, B02) neue Antiviren-Software für mobile Geräte.

Oft geht es heute darum, dass mobilen Mitarbeiter mit ihren Handys und Note-books nicht auch noch vertrauliche Firmeninformationen abhanden kommen. Festplattenverschlüsselung ist inzwischen Standard, als eleganter gelten je-doch gesicherte Fernzugriffe, so dass wichtige Informationen gar nicht erst auf dem Endgerät gespeichert werden müssen. Eine einschlägige Lösung bietet Newcomer Open Hand (Halle 4, A12). Dabei greifen Nutzer mobiler Geräte auf E-Mails (Lotus-Domino oder MS-Exchange), Kalender, Kontakte, Aufgaben und Dokumente in öffentlichen Ordnern auf dem Server zu. Ein CeBIT-Neuling ist auch Ipass (Halle 7, A28), dessen "Endpoint Policy Management" ebenfalls den mobilen Zugriff auf Unternehmensnetze absichert.


Open Source ist unterrepräsentiert

So groß die Bühne in diesem Jahr für die Anbieter von Sicherheits-Lösungen ist, so sehr gerät Open Source in den Hintergrund. Die wenigen Aussteller um das Linux-Forum in Halle 5 (E 58) spiegeln nicht die Bedeutung des Themas wider.
Die Community zieht offensichtlich ihre eigenen - meist preiswerteren - Spezialveranstaltungen vor. Von den namhaften Anbietern stellt eigentlich nur noch Redhat am Community-Treffpunkt aus. Der Linux-Distributor zeigt dort sicher die neuen Eigenschaften des Community-Projekts "Fedora".

Mitbewerber Novell/Suse ist in Halle 1 zu finden. Open-Source-Datenbanker MySQL zeigt seine neuen Business-Funktionen in Halle 3 (B46). Interessant für kleinere und mittelständische Unternehmen dürfte der Server von Collax (Halle 5, E64) sein, der Open-Source-Anwendungen - Webserver, Firewalls, E-Mail-Server und ähnliche - zu einem einfach zu nutzenden, aber lizenzpflichtigen Produkt bündelt. Neu ist in Hannover die Groupware "Open-Xchange-Server", die unter anderem den Datenaustausch mit Microsofts E-Mail-System "Outlook" ermöglicht.

März 2006 in ZDNet.de