Branchentreff und Entertainment

Interview mit Experton-Analyst Luis Praxmarer

Die CeBIT möchte vor allem Anwenderunternehmen anlocken. Zwei Drittel der Besucher kommen jedoch aus der Branche. Auch liefert nicht mehr die Unternehmens-IT die innovativen Anstöße, sondern die Unterhaltungselektronik. Dennoch, so Luis Praxmarer, Global Research Director der Experton Group, funktioniert die weltweit größte IT-Veranstaltung.

Wie sehen Sie die Rolle der CeBIT im kommenden Jahr angesichts des kontinuierlichen Besucherrückgangs?
Praxmarer: Der Abwärtstrend fängt sich langsam. Der Besucherrückgang ist nicht mehr so stark wie in den Vorjahren und die Zahl der Aussteller hat wieder zugenommen. Auch wenn in Hannover nicht mehr, wie früher, die großen Technologie-Neuheiten vorgestellt werden, so trifft sich hier doch die Branche.

Ist also die CeBIT eher ein Industrie-Treff als eine Besuchermesse?
Praxmarer: Zwei Drittel der Besucher kommen aus der Informations- und Kommunikations-Branche. Vom verbleibenden Drittel sind etwa 15 Prozent Dienstleister wie Banken und Behörden (12,77 Prozent). Der Rest kommt vor allem aus dem produzierenden Gewerbe, aber auch aus dem Handel.  
Wie in den vergangenen Jahren machen also die Anbieter Geschäfte vor allem unter sich. Das reicht vom Vertrieb, Services, Beratung über Entwicklungs- und OEM-Partnerschaften bis zum Lie-fern von Komponenten.

Ist die CeBIT zum Comdex-Nachfolger geworden?
Praxmarer: Die CeBIT ist die weltweit bei weitem größte Computer-Fachmesse, ein Treffpunkt vor allem für Aussteller aus Fernost. Es kommen mehr Aussteller aus China, wie aus England und Frankreich zusammen. Taiwan stellt mehr Aussteller als Europa insgesamt – ohne Deutschland. Hier sind mehr asiatische Aussteller als auf jeder fernöstlichen Messe.

Und die Amerikaner?

Praxmarer: Die US-Unternehmen haben die CeBIT immer unterschätzt. Zwar ändert sich das, aber mit rund 200 Firmen sind sie nach wie vor unterrepräsentiert. Das entspricht der Teilnehmerzahl von Hongkong. Wichtige Anbieter sind hier allerdings längst über ihre europäischen oder deut-schen Niederlassungen vertreten. Vielleicht sind den Amerikanern die Beziehungen nicht so wich-tig, die man hier knüpfen könnte.

Woher kommt die große Zahl der asiatischen Anbieter?
Praxmarer: In Fernost entstehen viele Komponenten und Produkte für den europäischen und ame-rikanischen Markt – aktuelle Techniken für Konvergenz, mobile Geräte, Consumer-Elektronik und so weiter. Damit wollen sie sich hier präsentieren. Für die hiesigen Unternehmen geht es darum, Kontakte herzustellen. Wenn man sich in Hannover kennen gelernt hat, ist es wesentlich einfa-cher, für konkrete Verhandlungen nach Taiwan oder China zu reisen.

Ist es ein Vorurteil, wenn man dabei mehr an preiswerte Konfektionsware als an Innovation denkt?
Praxmarer: Das kommt auf die Definition von Innovation an. Aber im Halbleiter-Bereich gibt es in Fernost durchaus Know-how – auch wenn nicht alles dort erfunden wurde. Die asiatischen Firmen haben auf alle Fälle gezeigt, dass sie das Geschäft mit den Konsumenten verstehen, hier sind sie innovativ.

In Hannover nehmen Software und Systeme weit mehr Platz ein als Komponenten.
Praxmarer: Das liegt auch daran, dass die Stände der Asiaten meist viel kleiner sind. Ihnen geht es ja vor allem um Kontakte. Von der Menge der Besucher werden sie trotz ihrer Bedeutung kaum wahrgenommen. Deshalb habe ich auf sie hingewiesen. Tatsächlich geht es mir darum, zu zeigen, dass die CeBIT mehr Facetten hat, als viele wahrnehmen. Die Vielschichtigkeit der Messe wird oft unterschätzt.

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Ist der Eindruck richtig, dass die ITK-Branche ihre Impulse momentan aus der Unterhaltungselektronik bezieht?
Praxmarer: Ja, aber die Konsum-Produkte werden von den Arbeitnehmern in die Unternehmen getragen, insbesondere die mobilen Geräte. Sie wollen etwa die Features vom Home-PC oder vom Multimedia-Handy auch in der Firma verwenden und das Firmennotebook nicht nur für die Arbeit nutzen. Dieser Trend treibt dann auch wieder das Geschäft für Integrationswerkzeuge, Si-cherheitssoftware und mehr. Sicherheit war schon im vergangenen Jahr ein ganz wichtiger Trend und wird es auch in diesem Jahr sein.

Besteht nicht die Gefahr, dass bei der Konzentration der Hersteller auf dem Consumer-Markt die Interessen der Anwenderunternehmen unter die Räder kommen?
Praxmarer: Nicht notwendig. Die Hersteller entwickeln einfach für den größten Markt. Wie gesagt, diese Geräte finden in aller Regel bald ihren Einsatz im Unternehmen. Denken Sie an WLAN für Büroumgebungen oder UMTS für die Medienbranche. Wenn ein Konzern UMTS auf breiter Ebene einsetzen will, dann wird sich kein Anbieter weigern, die Technik auf die Bedürfnisse des Kunden anzupassen.

Ist es nicht sehr aufwändig für die Hersteller, zwei Produktlinien für Consumer einerseits und Fir-menkunden andererseits zu pflegen?
Praxmarer: Sie werden das, wo immer möglich, vermeiden. Angesichts der zunehmenden Bedeutung des Massenmarktes kommen die Produkte für Unternehmen tatsächlich unter Druck. Ande-rerseits versuchen natürlich die Unternehmen auch die Preisvorteile des Konsumermarktes mitzu-nehmen, der dann oft mit erhöhtem Integrations- und Betreuungsaufwand bezahlt wird.

Die Absätze für Desktop-Rechner sind wieder gestiegen. Wehren sich die Unternehmen damit gegen die Probleme mit den mobilen Geräten?
Praxmarer: Man kann sie auf Dauer nicht verbieten. Je mehr virtuelle Umgebungen aufgebaut werden, etwa mit drahtlosen Netzen, desto mehr gehören mobile Systeme zum Konzept. Note-books und mobile Geräte sind auch aus Gründen der Konvergenz zentralen Themen der Messe.
Ein Paradebeispiel für Sprach-Datenkonvergenz ist Voice over IP. Besonders nahezu kostenlose Dienste wie Skype sind für die klassischen Telekommunikationsanbieter ein echtes Problem. Die Einnahmen für  Festnetzdienste tendieren mittelfristig gegen null, so dass ihnen nur noch die Va-lue Added Services als Einnahmequelle bleiben. Der Druck der Konvergenz zwingt zu neuen Geschäftsmodellen und Allianzen, etwa zwischen Content-Anbietern, Netzprovidern und Geräteherstellern.

Sind die Interessen hier nicht extrem verschieden, kann das funktionieren?
Praxmarer: Viele der potenziellen Partner sind auch Konkurrenten. Deshalb bildet sich sicher in diesem Jahr noch keine übergreifende Nahrungskette heraus, Kooperationen in Einzelbereichen wird es aber geben. Hinzu kommt, dass neue Player in das Geschäft einsteigen. Beispiele sind Ebay und Skype, die den Telekom-Konzernen plötzlich Konkurrenz machen können, ohne Telefon-Lizenzen zu haben oder für viel Geld Netze aufbauen müssen. Hier werden wir auf der CeBIT viele Content- und Service-Angebote sehen – auch im Umfeld der Fussball-Weltmeisterschaft. Etwa UMTS-Handys, auf denen sie live die Tore sehen können. Darüber wird seit Jahren geredet, aber jetzt stehen wir vor dem Durchbruch.

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Wie wichtig ist die Fussball-WM?
Praxmarer: Technisch ist sie uninteressant, aber emotional wichtig. Hier kann eine positive Stim-mung aufkommen, die einige Prozentpunkte beim IT-Wachstum in speziellen Segmenten aus-macht.

Ist 2006 das Jahr, in denen die Multimedia-Versprechen der Jahrtausendwende eingelöst werden?
Praxmarer: Das hat sich schon im vergangenen Jahr angebahnt. Schon 2005 lauteten die The-men: Mobile Dienste, Digital Lifestyle, IT-Sicherheit, Konvergenz, High Definition TV etc. Für viele dieser Themen ist erst jetzt die Infrastruktur und Akzeptanz vorhanden.

Was ist mit den klassischen Themen wie ERP, Security, Integration, Service Orientierte Architekturen?
Praxmarer:  Business-Processes, wie die CeBIT diese Themen zusammenfasst, hatten im ver-gangen Jahr nach Hardware (Digital Systems und Equipment) sowie Communications den größten Zulauf. Extrem hoch war das Interesse für Security. Danach kommen ERP, CRM, SOA und so weiter. Der Trend dürfte in diesem Jahr ähnlich sein. Obwohl es dabei eigentlich um die Unterstüt-zung der Geschäftsprozess geht, tauchen hier die die Techologiekürzel auf.

Wie sieht es mit Open Source aus?
Praxmarer: Das Thema ist im Vergleich zum Anwenderinteresse deutlich unterrepräsentiert. Viele Anbieter kommen nicht, obwohl sie spannende Produkte haben. Ich denke an Datenbanken, be-triebswirtschaftliche Software oder Produkte für Customer Relationship Management. Die Entwick-ler haben meist nicht die finanziellen und marketing-technischen Ressourcen, um in Hannover ge-gen große Konzerne wie SAP, Oracle oder Siebel antreten zu können. Das könnten etablierte Softwarehäusern übernehmen, wenn sie die Open-Source-Techniken integrieren. Aber auch da geschieht noch zu wenig.

Sie glauben also, dass die Open-Source-Enwickler nicht zu CeBIT kommen?
Praxmarer: Sie werden schon da sein, um Gespräche zu führen, aber sie werden sich keinen Stand leisten. Das ist preiswerter, aber damit bleiben sie für die Messebesucher weitgehend unsichtbar.

Bedeutet das, dass die Hersteller an den Interessen der Unternehmenskunden vorbei reden?
Praxmarer: Die Aussteller überlegen, für wen sie auf der CeBIT attraktiv sein wollen und können. Das sind weniger die Geschäftsführer als die Spezialisten aus den IT-Abteilungen. Für den Tech-niker sind die CeBIT-Aussteller fast auf allen Ebenen attraktiv. Bei ihm treffen sie auf Innovations-freude und Interesse an Neuerungen, gleichgültig, ob es um das Aufgabengebiet im Unternehmen geht, also ERP, System-Management und Software-Entwicklung, oder ob es um Produkte für Endanwender oder den Konsumbereich geht. Geschäftsführer dagegen sind kritisch. 

Januar 2006 bei ZDNet.de