CeBIT 03: Sparen, Sparen, Investieren


Der Sparkurs der Anwenderunternehmen prägt in diesem Jahr die Computermesse CeBIT. Das bedeutet: Jede Technologie wird an ihrer Wirtschaftlichkeit gemessen. Aber es gibt auch ein echtes High-Tech-Thema: Das Zusammenspiel von drahtlosen lokalen Netzen mit dem UMTS-Standard.


Waren die vergangenen zwei Jahre von Entlassungen und Projektabbrüchen geprägt, so wird inzwischen weit differenzierter gespart. Die Unternehmen investieren wieder, allerdings nur in Techniken, deren Return on Investment klar sichtbar ist. Technik soll helfen, Kosten zu sparen und Investitionen zu schützen.

Die IT-Branche hat sich auf diese Vorgaben eingestellt. So erregte HP-Chefin Carly Fiorina Aufsehen mit der eigentlich selbstverständlichen Prognose, dass sich IT künftig mehr als bisher am Return on Investment messen lassen müsse. Und auch Fujitsu Siemens gab als Cebit-Motto aus: Reduce Complexity, Create Value.

Bei den Anwenderunternehmen gilt Integration als einer der Königswege zur Kostenoptimierung. Als Shooting-Star gilt hier das Konzept der Web-Services. Investitionsschutz wird aber auch durch Business Intelligence (BI) betrieben. Chefetagen sollen durch Portale über die geschäftlichen Eckwerte ihres Unternehmens informiert werden, um gezielt eingreifen zu können.

Das zentrale Spar-Argument bei der Beschaffung von Technik wird auf der CeBIT aber der Return on Investment sein. Relativ einfach haben es hier die Linux-Anbieter, deren Ausgangsprodukt im Zweifelsfall umsonst zu haben ist. Redhat und Suse haben sich zudem für dieses Jahr vorgenommen, Microsoft im Desktop-Markt Anteile abzujagen. Deutlich schwerer fällt es den Anbietern von betriebswirtschaftlicher Software, günstige Preise anzubieten.


IBM:

„E-Business on Demand“ heißt bei Big Blue das zentrale Schlagwort für die CeBIT. Unter diesem Begriff will der neue Konzernchef Samuel Palmisano (Foto) sein Unternehmen und die gesamte IT-Industrie auf nutzungsorientiertes Computing ausrichten. Die IBM sieht in E-Business on Demand vor allem ein Dienstleistungsgschäft, das dem Kunden für bestimmte Projekte Rechenleistung zur Verfügung stellt, ohne dass dieser wissen muss, woher sie kommt. Ein Teilaspekt davon ist das Grid-Computing, für das die IBM jetzt konkrete Lösungen für die Luftfahrt, Automotive, Finanzmarkt, öffentlicher Dienst und Bio-Wissenschaften vorstellt.



Nicht, oder nur am Rande zum Generalthema Sparen gehören Speichersysteme, die wegen der durch Business Intelligence und Data-Warehousing sprunghaft wachsenden Datenmengen auch in diesem Jahr eine Rolle spielen dürften. Ein klassischer Herstellertrend wird dagegen Security bleiben. Zwar genießt das Thema inzwischen die Aufmerksamkeit, die ihm gebührt, doch für ein umfassendes Sicherheitskonzept wie es Symantec, Computer Associates und Network Associates auf der Messe propagieren werden, fehlt den Anwender derzeit das Geld.

Fehlt noch ein wichtiges Buzz-Word der vergangenen Jahre: E-Business. Der Begriff ist noch so verpönt, dass außer der IBM kaum ein Anbieter damit zu werben wagt. Dennoch ist E-Business wieder da. Es versteckt sich jedoch hinter weniger belasteten Formulierungen wie Integration, Web-Services, Supply Chain Management oder Business Intelligence.  


Mobile Zukunft

Seit Jahren warten die Anwender mit PDA (Personal Digital Assistant), Handy und Pager in den Taschen auf eine Verschmelzung dieser Geräte. PDA-Marktführer Palm (Halle 2) glaubt jedoch nicht an diesen Markt und wird sein für den US-Markt entwickeltes Gerät in Europa nicht anbieten. PDAs würden fast nur von Geschäftsleuten verwendet, während Handys ein Massenprodukt für Konsumenten seien, die die hohen Kosten eines Kombi-Geräts scheuten. Erst die massive Subventionierung durch Mobilfunkverträge könnte hier ein Geschäft entstehen lassen. Konkurrent Handspring, dessen Treo-Modelle für den Mobilfunk inzwischen auch den GPRS-Standard für schelle Datenübertragung unterstützen, bleibt der Messe fern.

Für die Verschmelzung von Handy und PDA wirbt dagegen die Smartphone-Fraktion, die ihre Betriebssysteme von Microsoft oder Sybian beziehen. Sie haben die Statistik auf ihrer Seite. Laut Marktforschungsunternehmen IDC machen Konvergenzgeräte mittlerweile 44 Prozent des westeuropäischen Marktes für so genannte Smart Handhelds aus.

Für das Jahr 2003 war eigentlich die flächendeckende Einführung der dritten Mobilfunk-Generation geplant. Zwar jammern die Mobilfunkanbieter immer noch über die hohen Kosten für die UMTS-Lizenzen, dennoch geben sie auf der CeBIT zumindest einen Startschuss für diese Technik. Dabei dürfte es sich allerdings weniger um die Vorstellung von UMTS-Handys handeln, auch wenn Siemens (Halle 26) recht geheimnisvoll tut, was die Eigenschaften der vier Geräte betrifft, die in Hannover vorgestellt werden. Zu erwarten ist eher, dass die Anbieter neben Multimedia-Funktionen für den Consumer-Markt auf bessere Integration der Handys in die Unternehmens-DV setzen, etwa durch den Datenabgleich mit Hilfe von Bluetooth-Schnittstellen.

Wenn dennoch UMTS eines der zentralen Messethemen sein wird, dann liegt das daran, dass sich der Konkurrenzkampf verschärft. Schließlich gehört der Mobilfunkmarkt zu den wenigen Hoffnungsträgern der Informations- und Kommunikations-Branche. Aus diesem Grund unterstützt der japanische Mobilfunkbetreiber NTT DoCoMO (Halle 12) Handy-Hersteller wie NEC Corp. (Halle 27) und Matsushita Electric Industrial Co. finanziell bei der Herstellung von UMTS-Geräten. In den USA haben die Japaner bereits 2001 mit Sony-Ericsson (Freigelände)
eine erfolgreiche Offensive gestartet, um diesen Markt mit dem in Europa üblichen GMS-Standard zu erobern.

Auch aus den USA kommen Herausforderungen für die hiesige IuK-Industrie. Aufgrund der immer noch fehlenden amerikaweiten Übertragungsstandards und anderer Benutzergewohnheiten hat sich dort vor allem die Technik für drahtlose Datenübertragung entwickelt, so dass diese in US-Gazetten wie Red Herring sogar als Konkurrenz für die Mobilfunkstandards GPRS und UMTS gehandelt wird. Das Management von Mobilfunkbetreiber O2 (Halle 12) steht für die Branche, wenn es in Wireless-LANs lediglich Ergänzungen für Datenübertragung über begrenzte Entfernungen sieht. Damit seien sie für lokale Netze in Unternehmen, Hotels oder Flughäfen geeignet, nicht aber für wirklich mobile Einsätze.

Vodafone D2 (Freigelände) wird daher nicht der einzige Carrier in Hannover sein, der Lösungen vorstellt, die beide Übertragungsmethoden kombinieren. Dort will man sich zudem an die Spitze der Wireless-Bewegung setzen und bis Jahresende mehr als 1000 Hotspots (Orte an denen man sich drahtlos in ein Netz einwählen kann) einrichten. In den USA gehört T-Mobile (Halle 26) durch die hierzulande oft kritisierte Voicestream-Übernahme mit über 2000 Hotspots der Kaffeehaus-Kette Starbuck zu den engagiertesten Wireless-Anbietern. Streitpunkt auf der Messe wird aber vor allem sein, mit welcher Technik künftig drahtlose Netze betrieben werden. So wurde die Übertragungsgeschwindigkeit des 8011.2-Standard von derzeit 11 auf 54 Megabit je Sekunde aufgebohrt – allerdings warten viele Hersteller noch auf grünes Licht von Microsoft.


SAP:

„Re-invent your Business“, schlägt die SAP den Messebesuchern vor. Zur Umsetzung dieser Devise empfiehlt der Anbieter von betriebswirtschaftlicher Software die Smart Business Solution für mittelständische Unternehmen sowie die kürzlich angekündigte Integrations- und Applikationsplattform „Net Weaver“. Letztere ermöglicht es, Kosten dadurch zu sparen, dass externe Programme in akutellen SAP-Umgebungen ablaufen können. Damit sollen vor allem Nutzer von Microsofts .Net oder IBMs Websphere gelockt werden. Es lassen sich damit aber auch externe SAP-Komponenten, so genannte „Xapps“ einbinden, um die es allerdings in den vergangenen Monate erstaunlich still geworden ist.



Dagegen setzt Lucent Technologies (Halle 27) seine UMTS-Technik, die zwar etwas langsamer ist, aber dafür den Nutzern mehr Mobilität ermöglicht als die bisherigen W-LANS. Dabei hat das Unternehmen jetzt mit T-Mobile einen starken Partner gefunden.

Linux erobert den Desktop

Man kann sich das Unix-Betriebssystem Linux kostenlos aus dem Netz laden. Doch bei allen Fortschritten etwa der aktuellen Version 5.0 von Free BSD erfüllen diese Systeme meist nicht alle Anforderungen der Unternehmen. Vor allem fehlt ihnen professioneller Service. Firmenkunden greifen daher meist zu den so genannten Linux-Distributionen von Anbietern wie Suse und Red Hat. Diese stehen den Unix-Betriebssystemen von Sun, HP oder IBM technisch kaum nach, kosten aber auch nur unwesentlich weniger. Preisvorteile ergeben sich daher vor allem dadurch, dass sich Linux mit günstiger Intel-Hardware begnügt, während Solaris, HP/UX und AIX auf RISC-Plattformen laufen.

Auf der CeBIT werden die Linux-Anbieter (im Linux-Park, Halle 6) weiterhin vor allem ihre Eignung für den Unternehmenseinsatz betonen. So kündigt Red Hat neue Reporting- und Monitoring-Features an, während Suse einen „Enterprise Client“ vorstellt, der für Business-Anwendungen von SAP und Lotus zertifiziert ist. Vor allem aber haben sich beide Firmen vorgenommen den Desktop zu erobern.

Noch etwas unklar ist dabei das Konzept von Red Hat, bei dem vor allem die Integration mit vorhandenen IT-Umgebungen zum Beispiel von Microsoft vorangetrieben werden soll. Suse dagegen bietet eine Desktop-Edition von Linux an, die es ermöglicht mit Hilfe einer zugekauften Software, Microsofts Office-Programme zu nutzen. Mit der Desktop-Kampagne versuchen die Linux-Anbieter Kapital aus der Verärgerung der Anwender über das neue Lizenzmodell von Microsoft zu schlagen. Hilfreich ist dabei auch, dass mit der ersten Version eines United-Linux die Standardisierung gewaltige Fortschritte gemacht hat. Das Betriebssystem wird inzwischen von namhaften Firmen wie IBM, HP und AMD mit dem Ziel unterstützt, die Server-Funktionalität auszubauen. Auch die Group Bull und Silicon Graphics haben in den vergangenen Wochen ihre Linux-Aktivitäten intensiviert.

Gerangel um den Mittelstand

Mittelstandsoffensiven werden jedes Jahr angekündigt und dann meist doch nicht umgesetzt. Diese Kundengruppe ist nicht weniger anspruchsvoll wie die Großkunden, dafür aber weit sparsamer. Jetzt scheint die Branchekrise die Anbieter betriebswirtschaftlicher Software jedoch gezwungen zu haben, mit ihren Ankündigungen Ernst zu machen.

Die SAP (Halle 4) hat noch im vergangenen Jahr seine Mittelstandssoftware „Business One“ freigegeben und wirbt mit Partnern gleich auf vier Ständen in Halle 4 für ihre Smart Business Solution. Mitbewerber Oracle zeigt seine neue Mittelstandsoftware „Special Edition“ lieber auf Hausmessen und bleibt der CeBIT fern.

Der einstige SAP-Herausforderer Baan (Halle 5) tritt mit einer Initiative für Corporate Performance Management an. Dahinter versteckt sich ein Verfahren, mit dem sich der betriebswirtschaftliche Nutzen der Baan-Software messen lassen soll. Während sich Baan mit dieser Software auch an große Industrie-Unternehmen richtet, konzentriert sich Microsoft Business Solution (Halle 5) mit seinen Tools für Business Intelligence an mittelständische Anwender. Die betriebswirtschaftlichen Pakete „Navision“ und „Axapta“ erhalten Funktionen für Business-Analysten und Reporting. Außerdem werden gemeinsam mit Partnern 65 Branchenlösungen gezeigt. Im Zentrum des Microsoft-Auftritts steht jedoch die nach langer Verspätung vorgestellte Lösung für Customer Relationship Management. „MS CRM“ arbeitet, wie von Microsoft-Produkten gewohnt, eng mit den anderen Produkten des Herstellers zusammen.

Die Aktivitäten der Branchengrößen setzen die bisherigen Mittelstandspezialisten unter Druck. Relativ sicher fühlt sich J. D. Edwards (Halle 4). Zum einen präsentiert das Unternehmen ein umfassendes Paket von klassischen ERP-Funktionen über Kunden-, Lieferanten- und Lieferketten-Management bis hin zu Business Inelligence. Zudem ist die Software modularer aufgebaut als die Produkte vieler anderer und nicht zuletzt hilft dem Unternehmen eine stabile Marketing- und Vertriebsvereinbarung mit der IBM.

Sage-KHK (Halle 5) gibt sich zwar gelassen, räumt aber ein, dass man aufgrund der wachsenden Konkurrenz das Geschäft neu in eine Business-Unit für Kleinunternehmen („PC-Kaufmann“) und für mittelständische Anwender eingeteilt hat. Letzteren wird auf der Messe eine aktualisierte Version von Office-Line vorgestellt. Als Konkurrent sieht man bei Sage-KHK weniger Microsoft mit “Navision“ als die Exact Gruppe (Halle 7), die sich ebenfalls neu aufgestellt hat. Sie nutzt die Messe, um den Kunden die neue Aufteilung nahe zu bringen. So wird Exact Deutschland wird künftig über Distributoren die regionalen Märkte bedienen, während Exact International sich im Direktgeschäft um länderübergreifende Aufträge kümmert. Außerdem sollen die Konzerntöchter Soft Research und Szymaniak insofern zusammenwachsen, dass sie unter der Bezeichnung Exact Deutschland die gesamte gemeinsame Produktpalette vermarkten können.

März 2003 in CIO